Zum Inhalt springen
Swiss Observer

Umfrage zeigt wachsende Gleichgültigkeit gegenüber dem Klimawandel in der Schweiz trotz Rekordhitze

Während die Schweiz unter intensiven Hitzewellen leidet, zeigt eine neue Comparis-Umfrage einen überraschenden Trend: Vier von fünf Erwachsenen in der Schweiz sagen, dass die Klimakrise kaum oder gar keinen Einfluss auf ihre Ausgaben hat. Dieser Anteil ist in den vergangenen sieben Jahren gestiegen.

Umfrage zeigt wachsende Gleichgültigkeit gegenüber dem Klimawandel in der Schweiz trotz Rekordhitze
AISWI swissinfo.ch

Die Schweiz brütet unter beispiellosen Hitzewellen, doch das nationale Umweltbewusstsein scheint in alarmierendem Tempo abzukühlen. Ganze 80 % der Erwachsenen in der Schweiz geben inzwischen zu, dass die Klimakrise kaum oder gar keinen Einfluss auf ihre Ausgaben oder Anlageentscheidungen hat. Das ist nicht bloss eine geringfügige Veränderung, sondern ein umfassender Rückzug von der ökologischen Verantwortung. Während Europa mit verheerenden Waldbränden und rekordverdächtigen Dürren kämpft, lässt sich die Schweizer Konsumentenschaft hartnäckig nicht beeindrucken. Der Anteil jener, denen die Notlage des Planeten gleichgültig ist, ist von rund 66 % vor gerade einmal drei Jahren auf heute vier Fünftel der Bevölkerung gestiegen. Diese wachsende Gleichgültigkeit stellt das Selbstbild der Schweiz als Vorreiterin des ökologischen Wandels infrage. Die Daten deuten auf ein Land hin, das die Warnsignale der Umweltkatastrophe weitgehend ausgeblendet hat und stattdessen an einem Lebensstil festhält, der die steigenden Temperaturen ignoriert. Während die Hitze zunimmt, wird die Dringlichkeit zu handeln durch eine frostige Gleichgültigkeit verdrängt, die die nationalen Nachhaltigkeitsziele zu gefährden droht.

Wohlstand schirmt das Portemonnaie vor dem Gewissen ab

In einer überraschenden Umkehr der Erwartungen sind die höchsten Einkommen der Schweiz am ehesten bereit, die Klimakrise zu ignorieren. Bei Haushalten mit einem monatlichen Bruttoeinkommen von über CHF 8'000 geben satte 84 % an, dass Klimabedenken ihre finanziellen Entscheidungen nicht bestimmen. Haushalte mit tieferen Einkommen, also jene mit einem Verdienst von bis zu CHF 4'000, zeigen sich etwas zurückhaltender, wobei 75 % weiterhin unbeeinflusst bleiben. Diese wirtschaftliche Abschirmung deutet darauf hin, dass Wohlstand als Puffer wirkt und es Begüterten ermöglicht, sich der moralischen Belastung der Klimadebatte zu entziehen. Ein Hoffnungsschimmer zeigt sich jedoch bei den Verantwortlichen der nächsten Generation: 74 % der Eltern sagen, dass die Klimadebatte ihre Entscheidungen bis zu einem gewissen Grad beeinflusst. Damit liegen sie über den 62 % der Erwachsenen ohne Kinder. Doch selbst diese elterliche Besorgnis führt nicht zu einem breiteren Wandel am Markt. Die Schweizer Elite, die über das meiste Kapital verfügt, um mit ihren Investitionen grüne Innovationen voranzutreiben, führt stattdessen den Vormarsch der Gleichgültigkeit an und gibt unmittelbarem Luxus und finanziellem Gewinn den Vorrang vor der langfristigen Stabilität des Planeten.

Die Kluft der Heuchelei: Absichten und Realität

Die Kluft zwischen dem, was die Menschen in der Schweiz sagen und tun, ist zu einem Abgrund geworden. 40 % der Befragten geben an, ihren Fleischkonsum dem Planeten zuliebe drastisch reduziert zu haben. Die harten Daten des Bundesamts für Landwirtschaft zeichnen jedoch ein anderes Bild: Der Fleischkonsum stieg 2025 tatsächlich auf 51 kg pro Kopf. Die Heuchelei reicht bis in die Lüfte. Trotz der weitverbreiteten Rede von «Flugscham» stellte der Flughafen Zürich im vergangenen Jahr mit 23,2 Millionen Passagieren einen Rekord auf und übertraf damit den Höchststand vor der Pandemie von 2019. Selbst das bescheidene Ei ist zum Symbol des Übermasses geworden: Der Konsum erreichte mit 209 Stück pro Person einen Allzeitrekord. Finanzexperte Michael Kuhn stellt fest, dass die Menschen zwar behaupten, sie seien bereit, ihren Konsum einzuschränken, doch die «Fakten erzählen eine andere Geschichte». Diese Zurschaustellung von Tugend, der keine Taten folgen, offenbart eine Gesellschaft, die sich in Verleugnung übt. Wir erleben einen Rekordanstieg bei Reisen und beim Konsum tierischer Produkte, und zwar genau zu dem Zeitpunkt, an dem Wissenschaftler vor einem kritischen Kipppunkt warnen. Das zeigt, dass für die Schweizer Konsumentenschaft Bequemlichkeit weiterhin Vorrang vor dem Schutz der Umwelt hat.

Müdigkeit und Frustration nähren die Gleichgültigkeit

Warum wendet sich die Schweizer Bevölkerung von der Umwelt ab? Die Antwort liegt in einem toxischen Cocktail aus «Klimamüdigkeit» und wirtschaftlicher Angst. Der Anteil der Menschen, die sich von der Krise «überhaupt nicht» beeinflusst fühlen, hat sich beinahe verdoppelt und ist innerhalb weniger Jahre von 20 % auf 34 % gestiegen. Während die Krankenkassenprämien in die Höhe schnellen, die Mieten steigen und globale Konflikte die Schlagzeilen beherrschen, ist das Klima zu einem zweitrangigen Anliegen geworden. Das Gefühl der Ohnmacht wächst: Viele glauben, dass persönliche Opfer angesichts der globalen Inflation und der geopolitischen Instabilität sinnlos sind. Es geht längst nicht mehr nur um fehlende Informationen, sondern um einen psychologischen Abwehrmechanismus gegen eine überwältigende Flut von Krisen. Die Bevölkerung der Schweiz ist erschöpft. Wenn es den politischen Entscheidungsträgern nicht gelingt, den ökologischen Wandel wieder mit wirtschaftlicher Sicherheit zu verknüpfen, wird sich dieser Trend der Gleichgültigkeit weiter verstärken. Die Zukunft der Schweizer Klimapolitik steht nun auf dem Spiel, während eine müde Bevölkerung die Gewissheit der Gegenwart den zunehmend düsteren Warnungen vor der Zukunft vorzieht.