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Swiss Observer

Umfrage zeigt: Solidarität ist in der Schweiz weiterhin tief verwurzelt

Eine neue Umfrage der Glückskette zeigt, dass 95 % der Menschen in der Schweiz Solidarität für den gesellschaftlichen Zusammenhalt wichtig finden. In ihrer 80-jährigen Geschichte hat die Hilfsorganisation 275 Sammelaktionen durchgeführt und damit 2,2 Milliarden CHF für Projekte in der Schweiz und im Ausland gesammelt.

Umfrage zeigt: Solidarität ist in der Schweiz weiterhin tief verwurzelt
AISWI swissinfo.ch

95 % der Menschen in der Schweiz sagen laut einer neuen Umfrage der Glückskette, die am 25. September 2026 veröffentlicht wurde, dass Solidarität für den gesellschaftlichen Zusammenhalt wichtig ist. Damit gehört gegenseitige Hilfe zu den am weitesten verbreiteten gesellschaftlichen Werten des Landes, über Generationen und Bevölkerungsgruppen hinweg.

Die Umfrage zeichnet zugleich ein differenzierteres Bild des Alltags. 68 % der Befragten sagten, die Schweizer Gesellschaft als Ganzes sei von Solidarität geprägt. Die Differenz zwischen den beiden Zahlen deutet auf eine klare öffentliche Wahrnehmung hin: Die Menschen befürworten Solidarität stark als Ideal, doch weniger von ihnen sehen sie konsequent in der Gesellschaft um sich herum verwirklicht.

Die Glückskette veröffentlichte die Ergebnisse zu ihrem 80-jährigen Bestehen. Die Organisation führt ihre Ursprünge auf eine Sendung von Radio Sottens am 26. September 1946 zurück, bevor der Sender Teil des öffentlichen Schweizer Rundfunks RTS wurde. Seit acht Jahrzehnten bringen ihre Sammelaktionen Rundfunkanstalten, Spenderinnen und Spender sowie Hilfsorganisationen zusammen, um auf Notlagen im In- und Ausland zu reagieren.

Die Ergebnisse erscheinen zu einer Zeit, in der Kriege, Naturkatastrophen, Vertreibung und wirtschaftlicher Druck um die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit konkurrieren. Die Erkenntnisse der Glückskette deuten darauf hin, dass die Unterstützung für gemeinsame Verantwortung weiterhin breit abgestützt ist, auch wenn die Menschen einzelne Spendenaufrufe sorgfältiger prüfen.

Spenderinnen und Spender prüfen Hilfe genauer

76 % der Befragten sagten, Spenderinnen und Spender sollten prüfen, ob Menschen Unterstützung wirklich verdienen, bevor sie etwas geben. Dieser Wert spiegelt einen überlegteren Umgang mit wohltätigen Spenden wider, während mehrere Krisen um die Haushaltsbudgets und die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit konkurrieren.

Weitere 42 % sagten, Hilfe sollte auf Menschen beschränkt sein, die unverschuldet in Not geraten sind. Die Umfrage nennt nicht, an welche Krisen oder Gruppen die Befragten dabei dachten. Das Ergebnis zeigt jedoch, dass Solidarität zunehmend zusammen mit Verantwortung, Anspruchsberechtigung und dem Nachweis von Bedürftigkeit diskutiert wird.

Die Spendenbereitschaft selbst bleibt relativ stabil. 60 % der Befragten sagten, ihre Bereitschaft zu spenden habe sich nicht verändert. 28 % berichteten von einer Zunahme, während 8 % einen Rückgang angaben. Die von der Glückskette zur Verfügung gestellten Zahlen zeigen, dass die zunehmende Zurückhaltung nicht zu einem breiten Rückzug vom Spenden geführt hat.

Dieser Unterschied ist für gemeinnützige Organisationen in der Schweiz wichtig. Spenderinnen und Spender leisten möglicherweise weiterhin Beiträge, stellen aber mehr Fragen dazu, wie die Gelder verteilt werden, wer Unterstützung erhält und ob eine Sammelaktion Ergebnisse nachweisen kann. Die Umfrage der Glückskette hält diese genauere Prüfung fest, ohne sie als Ablehnung von Hilfe darzustellen. Sie zeigt eine Öffentlichkeit, der Solidarität weiterhin wichtig ist, die bei Spendenentscheiden aber strengere Bedingungen anlegt.

Acht Jahrzehnte machen aus Aufrufen konkrete Hilfe

Seit dem ersten Spendenaufruf der Glückskette im Radio im Jahr 1946 wurden durch 275 Sammelaktionen 2,2 Milliarden CHF gesammelt. Das Geld unterstützte Hilfsprojekte in 124 Ländern sowie Programme in der Schweiz.

Die Geschichte der Spendensammlungen zeigt, wie ein Aufruf über die Medien Spenden über Sprach- und Regionalgrenzen hinweg mobilisieren kann. Aus einer Radioinitiative entwickelte sich die Glückskette zu einer langjährigen humanitären Institution, die mit Nothilfeaufrufen und dem öffentlichen Rundfunk verbunden ist. Ihr 80-jähriges Bestehen bietet eine seltene Gelegenheit, sowohl die finanzielle Reichweite der Organisation als auch die anhaltende Verbundenheit der Öffentlichkeit mit ihrer Mission zu messen.

Der höchste Betrag für eine einzelne Hilfsaktion wurde nach dem Tsunami in Südostasien 2004 gesammelt: Die Spenden erreichten 227,7 Millionen CHF. Diese Sammelaktion gilt weiterhin als Massstab für das Ausmass der Spendenbereitschaft in der Schweizer Bevölkerung nach einer grossen internationalen Katastrophe.

Die historischen Gesamtzahlen liefern auch einen Kontext für die Umfrage von 2026. Solidarität in der Schweiz zeigt sich in alltäglicher Hilfe, lokalen Organisationen und formellen Spenden. Die Sammelaktionen der Glückskette haben diese Hilfe jedoch auf nationaler Ebene sichtbar gemacht. Die Bilanz der Organisation umfasst sich wandelnde Krisen und Mediengewohnheiten, während die Umfrage nahelegt, dass die grundlegende Erwartung, anderen zu helfen, weiterhin weit verbreitet ist.

Die Zivilgesellschaft steht anspruchsvolleren Spenderinnen und Spendern gegenüber

An der repräsentativen Umfrage nahmen zwischen dem 4. Juni und dem 1. Juli 2026 1'618 Erwachsene teil. Gfs.bern führte die Studie gemeinsam mit dem Center for Philanthropy Studies der Universität Basel durch. Damit erhielt die Glückskette zu ihrem Jubiläum ein aktuelles Bild der öffentlichen Einstellung, statt sich allein auf ihre Spendensammlungsgeschichte zu stützen.

Die Ergebnisse liefern gemeinnützigen Organisationen, Rundfunkanstalten und zivilgesellschaftlichen Gruppen ein praktisches Signal. Eine grosse Mehrheit befürwortet Solidarität als Grundsatz, doch ein kleinerer Anteil sieht sie im Alltag als prägendes Merkmal der Gesellschaft. Organisationen, die Spenden sammeln, müssen ihre Prioritäten klar erläutern und aufzeigen, wie die Gelder Menschen in Not erreichen.

Die Umfrage legt zudem nahe, dass mit dem Begriff Solidarität unterschiedliche Erwartungen verbunden sind. Für manche Befragte bedeutet er umfassende Hilfe in Krisen. Andere verlangen Nachweise der Notlage und eine sorgfältige Begrenzung der Anspruchsberechtigung. Diese Ansichten können innerhalb derselben nationalen Debatte nebeneinander bestehen, insbesondere wenn die Haushaltsfinanzen und die Zahl der sichtbaren Notlagen unter Druck stehen.

Die Glückskette tritt mit einem beständigen Spendennetzwerk und einer weiterhin spendenbereiten Öffentlichkeit in ihr neuntes Jahrzehnt ein. Die Ergebnisse von 2026 deuten auf eine Zukunft hin, in der diese Bereitschaft zunehmend von Transparenz, glaubwürdigen Bedarfsanalysen und klaren Belegen für die Wirkung abhängen wird.