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Swiss Observer

Stiftsarchiv St. Gallen digitalisiert Millionen historischer Unterlagen

Das Stiftsarchiv St. Gallen beginnt ein grosses Digitalisierungsprojekt, das bis Ende 2028 1,5 Millionen Seiten und 700 000 Bilder umfasst. Die Sammlung beinhaltet mittelalterliche und frühneuzeitliche Rechnungsbücher, Briefe, Rechtstexte und Verwaltungsakten.

Stiftsarchiv St. Gallen digitalisiert Millionen historischer Unterlagen
AISWI swissinfo.ch

Bis Ende 2028 will das Archiv 1,5 Millionen Seiten und 700 000 Bilder digitalisieren. Das Stiftsarchiv St. Gallen hat eines der grössten Erhaltungsprogramme seiner Geschichte lanciert und damit den Weg zu einem digitalen Zugang zu Unterlagen geebnet, die die Erforschung der Ostschweiz seit Jahrhunderten prägen.

Das Material umfasst Rechnungsbücher, Korrespondenz, Protokolle und Rechtssammlungen aus dem Mittelalter und der frühen Neuzeit. Zusammen dokumentieren diese Unterlagen die Verwaltung des Klosters, seine wirtschaftlichen Beziehungen und die Rechtsstrukturen, die das Leben der Gemeinden rund um St. Gallen regelten.

Das Projekt wird auch dazu beitragen, dass fragile Originale seltener in die Hand genommen werden müssen. Forschende waren bisher auf den beaufsichtigten Zugang zu einzigartigen Dokumenten angewiesen, von denen viele nicht wiederholt sicher konsultiert werden können. Digitale Kopien erleichtern die Vorrecherche und ermöglichen es Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, Materialien miteinander zu vergleichen, ohne alle Originale in den Lesesaal bringen zu müssen.

Die Arbeit des Archivs hat besonderes Gewicht in einem Kanton, dessen kulturelle Identität eng mit dem ehemaligen Benediktinerkloster verbunden ist. Das Kloster wurde im Jahr 612 gegründet, während die ersten Belege für eine Bibliothek aus dem Jahr 820 stammen. Die Bestände verbinden die Lokalgeschichte mit breiteren europäischen Traditionen des Schreibens, der Verwaltung und der Handschriftenkultur.

Spezialscanner schützen empfindliche Bände

Zwei Scanner können bis zu 2 800 Bilder pro Tag verarbeiten. Um dieses Volumen zu bewältigen, hat die in Frauenfeld ansässige Firma GBL Gubler AG im ehemaligen Lesesaal des Archivs ein Digitalisierungsstudio eingerichtet. Damit kommt industrielle Scankapazität in einer historischen Forschungsumgebung zum Einsatz, in der der Erhalt der Bestände oberste Priorität hat.

David Kastlunger, Restaurator des Archivs, beaufsichtigt den Prozess. Seine Aufgabe ist entscheidend, da die Sammlung Bücher und Unterlagen mit unterschiedlichem Erhaltungszustand, verschiedenen Einbänden und unterschiedlichen Papierbeschaffenheiten umfasst. Ein Standards scanner eignet sich nicht für jedes Objekt.

Bei besonders empfindlichen Bänden verwenden die Techniker einen Scanner mit einer V-förmigen Buchwiege. Die Halterung stützt das geöffnete Buch, ohne den Buchrücken flach zu drücken. So können Bilder aufgenommen und gleichzeitig Belastungen des Einbands begrenzt werden. Das ist wichtig bei Dokumenten, die zwar Hunderte von Jahren überdauert haben, aber wiederholtes Aufschlagen nicht verkraften.

Vor Beginn des Hauptprojekts nutzte das Archiv die Sammlung des ehemaligen Klosters Pfäfers als Pilotprojekt. Anhand dieser kleineren, aber vielfältigen Sammlung konnten Mitarbeitende und Auftragnehmer die Handhabung, die Bilderfassung und die Arbeitsabläufe erproben. Das Pilotprojekt ist inzwischen abgeschlossen und liefert dem Archiv ein Betriebsmodell für die grösseren Bestände.

Rechnungsbücher und Rechtstexte zeichnen Schweizer Geschichte nach

Die Unterlagen reichen von Rechnungen bis zu Gerichtsdokumenten und bilden so die praktischen Abläufe der Gesellschaft ab. Ihr Wert liegt in ihrer Vielfalt. Rechnungsbücher können Aufschluss über Preise, Löhne, Transaktionen und den Warenverkehr geben. Briefe bewahren persönliche und institutionelle Beziehungen. Protokolle halten Entscheidungen fest, während Rechtstexte zeigen, wie Autorität und Verpflichtungen über Generationen hinweg ausgelegt wurden.

Für Historikerinnen und Historiker, die sich mit St. Gallen und der Nordostschweiz befassen, könnte das Digitalisierungsprogramm die Suche nach Verbindungen zwischen Sammlungen erleichtern, die heute getrennt konsultiert werden. Forschende werden mit hochauflösenden Kopien arbeiten, Kataloginformationen aus der Ferne durchsuchen und Dokumente vergleichen können, bevor sie ins Archiv reisen.

Die Stiftsbibliothek und das Stiftsarchiv sind Teil einer langen Kulturgeschichte St. Gallens. Das Kloster entwickelte sich zu einem bedeutenden Zentrum des Schreibens und der Buchmalerei, und der barocke Bibliothekssaal wurde zwischen 1758 und 1767 erbaut. Die Bibliothek beherbergt heute 2 100 Handschriften und 1 650 Inkunabeln, wie aus Hintergrundmaterial hervorgeht, auf das sich Swissinfo bezieht.

Das Archivprojekt betrifft historische Unterlagen und nicht eine einzelne Ausstellungssammlung. Seine Bedeutung wird sich durch kontinuierliche Forschung zeigen: Wirtschaftsgeschichte, religiöse Institutionen, Recht, lokale Gemeinschaften und die tägliche Verwaltung von Macht haben alle ihre Spuren auf diesen Seiten hinterlassen.

Kanton und Kirche finanzieren digitalen Schutz

Das Programm kostet knapp 1 Million Franken. Der Kanton St. Gallen und die katholische Konfession des Kantons finanzieren die Arbeiten gemeinsam. Damit verbinden sie öffentliche Unterstützung und kirchliche Verantwortung beim Erhalt eines gemeinsamen regionalen Erbes.

Das erklärte Ziel des Archivs ist die langfristige Erhaltung. Digitale Dateien können die Originale nicht ersetzen, bieten aber eine beständige Referenzkopie und verringern unnötige Handhabung. Das Projekt schafft zudem die technische Grundlage für eine künftige Online-Veröffentlichung. Die Ankündigung enthält jedoch keinen vollständigen Zeitplan für die Veröffentlichung und erläutert nicht die Zugangsbedingungen für jedes Dokument.

Wichtige Teilbestände wurden 2008 und 2018 digitalisiert. Das aktuelle Programm soll diese Arbeit auf die historische Sammlung ausweiten und bisher getrennte Vorhaben in einem umfassenderen Erhaltungsplan zusammenführen. Nach Abschluss des Projekts erwartet das Archiv, dass die gesamten historischen Bestände digital erfasst sind.

Dieser Umfang bringt eigene Anforderungen mit sich. Das Archiv muss eine gleichbleibende Bildqualität sicherstellen, verlässliche Metadaten erhalten und die Dateien sicher für künftige Nutzerinnen und Nutzer speichern. Der Erfolg hängt ebenso sehr von der Katalogisierung und der langfristigen digitalen Verwaltung ab wie von der Geschwindigkeit der Scanner im ehemaligen Lesesaal.

Der Zieltermin 2028 stellt den Erhalt im grossen Massstab auf die Probe

Der Zieltermin ist Ende 2028. Um ihn einzuhalten, müssen das Archiv, seine Restauratorinnen und Restauratoren sowie GBL Gubler AG eine sorgfältige Produktionslinie über Millionen von Seiten und Bildern hinweg aufrechterhalten. Die tägliche Kapazität von 2 800 Bildern bietet einen messbaren Richtwert für den Betrieb, während der Zustand jedes einzelnen Objekts bestimmt, wie schnell es das Studio durchlaufen kann.

Die Wirkung des Programms wird über St. Gallen hinausreichen. Schweizerische und internationale Forschende erhalten eine bessere digitale Ausgangslage für die Erforschung des Klosters, des ehemaligen Klosters Pfäfers und der mit ihnen verbundenen Gemeinden. Auch Studierende und Lokalhistorikerinnen und -historiker können das Material möglicherweise konsultieren, ohne zunächst einen Besuch im Archiv vereinbaren zu müssen, sobald die Veröffentlichungssysteme eingerichtet sind.

Für die Schweiz bietet das Projekt ein Modell dafür, wie regionale Institutionen historische Sammlungen mit gemeinsamer Finanzierung, spezialisierter Konservierung und moderner Bildgebung verwalten können. Zugleich bleibt das physische Archiv zentral. Die Originalbücher, Briefe und Rechtstexte bleiben die primären Objekte, während ihre digitalen Abbilder einem grösseren Kreis von Menschen die Erforschung ermöglichen.

Der nächste Meilenstein ist praktischer Natur: die geplante Erfassung abschliessen, die Dateien erhalten und die Zugangsinfrastruktur aufbauen, die erforderlich ist, damit die Sammlung auch ausserhalb der Archivmauern genutzt werden kann.