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Swiss Observer

Ehemalige Schweizer Bundespräsidentin Ruth Dreifuss für entscheidende Rolle bei der Förderung der Frauenrechte geehrt

Die Eidgenössische Kommission für Frauenfragen hat ihren ersten Preis an die ehemalige Schweizer Bundespräsidentin Ruth Dreifuss verliehen. Damit würdigt sie deren bedeutende und nachhaltige Beiträge zur Gleichstellungspolitik und zu den Frauenrechten in der Schweiz über mehrere Jahrzehnte hinweg.

Ehemalige Schweizer Bundespräsidentin Ruth Dreifuss für entscheidende Rolle bei der Förderung der Frauenrechte geehrt
AISWI swissinfo.ch

Fünf Jahrzehnte Engagement mündeten an diesem Donnerstag in Bern in einem einzigen elektrisierenden Moment. Die 1976 gegründete Eidgenössische Kommission für Frauenfragen (EKF) brach mit einer Tradition, die ein halbes Jahrhundert bestanden hatte, und verlieh der ehemaligen Bundespräsidentin Ruth Dreifuss ihren allerersten Preis. Dabei handelt es sich nicht einfach um eine Trophäe, sondern um eine eindeutige Anerkennung einer Laufbahn, die den Schweizer Gesellschaftsvertrag grundlegend verändert hat. Während Innenministerin Elisabeth Baume-Schneider zusah, unterstrich die Zeremonie eine entscheidende Tatsache: Der Kampf für Gleichstellung ist kein Protest am Rande mehr, sondern eine zentrale Säule der Schweizer Staatsführung. Dreifuss, stets die Diplomatin, lenkte das Rampenlicht sofort von sich ab und betonte, die Ehre gehöre den «Tausenden und Abertausenden» von Frauen, die an ihrer Seite marschiert seien. Die Bedeutung der Auszeichnung ist jedoch unbestreitbar. Sie markiert einen Meilenstein für eine Kommission, die fünf Jahrzehnte lang daran gearbeitet hat, systemische Diskriminierung in einem Land abzubauen, das Frauen das Stimmrecht auf Bundesebene erst 1971 gewährte.

Die gläserne Decke im Bundesrat durchbrechen

Das Jahr 1993 ist dem politischen Bewusstsein der Schweiz als das Jahr eingeprägt, in dem der «Männerclub» schliesslich zerbrach. Ruth Dreifuss trat nicht einfach in den Bundesrat ein, sie stürmte ihn nach einem landesweiten Aufschrei wegen der Nichtwahl von Christiane Brunner. Kritiker nutzten damals den Begriff «Alibifrau», um ihre Bedeutung zu schmälern, doch Dreifuss setzte sich mit chirurgischer Präzision gegen diese Bezeichnung zur Wehr. «Es macht mir nichts aus, als Quotenfrau bezeichnet zu werden», sagt sie mit dem Selbstvertrauen einer Staatsfrau, die niemandem mehr etwas beweisen muss. «Was mich stören würde, wäre, wenn die Leute dächten, ich hätte deshalb schlechter gearbeitet.» Ihre Amtszeit bewies das Gegenteil: Sie verwandelte die Forderung der Sozialdemokratischen Partei nach Vertretung in eine funktionierende, vielfältige Regierung. Heute dient ihr Vermächtnis jeder Frau, die durch die Hallen des Bundeshauses geht, als Vorbild und zeigt, dass Leistung und Repräsentation keine Gegensätze sind, sondern eng miteinander zusammenhängen.

Der Kampf für allgemeine soziale Absicherung und Mutterschaftsrechte

Die allgemeine Krankenversicherung in der Schweiz ist kein Zufall der Geschichte, sondern ein hart erkämpfter Sieg, den Dreifuss massgeblich vorangetrieben hat. Das Krankenversicherungsgesetz (KVG) ist ihr bedeutendstes gesetzgeberisches Vermächtnis und bietet jeder Bürgerin und jedem Bürger unabhängig vom Status ein Sicherheitsnetz. Ihr Einsatz ging jedoch weit über das Gesundheitswesen hinaus. In den 1980er-Jahren brachte sie die ins Stocken geratene Mutterschaftsversicherung wieder in Gang, ein Anliegen, das jahrzehntelang wegen verfassungsrechtlicher Vernachlässigung und wiederholter politischer Sabotage auf der Strecke geblieben war. Sie räumt zwar ein, mit der heutigen Entwicklung des KVG «nicht ganz zufrieden» zu sein, doch das von ihr gelegte Fundament bleibt unerschütterlich. Der Kampf geht weiter, während sich die Schweiz mit einer zunehmenden Lohnungleichheit zwischen den Geschlechtern auseinandersetzt. Zuletzt stagnierte das Land in globalen Gleichstellungsrankings auf dem 20. Platz. Für Dreifuss ist die Arbeit noch lange nicht beendet: Vaterschafts- und Elternurlaub bilden nun die neue Frontlinie der Gleichstellungsbewegung.

Der globalen antifeministischen Gegenbewegung begegnen

Fortschritt verläuft nicht geradlinig, und Dreifuss schlägt eindringlich Alarm. Sie verweist auf eine international «wachsende und vielfältiger werdende» antifeministische Gegenbewegung, die jahrzehntelange gesetzliche Errungenschaften zu untergraben droht. Von den politischen Veränderungen in den Vereinigten Staaten bis zur Stigmatisierung der Gender Studies warnt die ehemalige Bundespräsidentin davor, dass die Legitimität der Frauenrechte direkt angegriffen wird. «Ich befürchte, dass die Frustration einiger Männer ... zu mehr Gewalt führen könnte», warnt sie. Sie benennt damit eine toxische Entfremdung, bei der Feminismus als Nullsummenspiel missverstanden wird, statt als Befreiung für alle. Während die Schweiz mit einer leichten Vergrösserung des Lohngefälles und einem Rückgang der Vollzeitbeschäftigung von Frauen konfrontiert ist, ist Dreifuss’ Botschaft klar: Selbstzufriedenheit ist der grösste Feind der Gleichstellung. Die künftige soziale Stabilität der Schweiz hängt davon ab, anzuerkennen, dass Feminismus nicht nur eine «Frauenfrage» ist, sondern das wesentliche Fundament einer modernen, gewaltfreien Gesellschaft.