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Swiss Observer

Personalisierte Krebsimpfstoffe erzielen Durchbruch, Schweizer Pharmaindustrie prüft ihre Position

Der erste erfolgreiche Phase-III-Versuch mit einem personalisierten mRNA-Krebsimpfstoff hat die Hoffnung auf Behandlungen neu entfacht, die auf einzelne Tumore zugeschnitten sind. Schweizer Forschende und Pharmaunternehmen prüfen, ob das Land in diesem rasch voranschreitenden Bereich konkurrenzfähig sein kann.

Personalisierte Krebsimpfstoffe erzielen Durchbruch, Schweizer Pharmaindustrie prüft ihre Position
AISWI swissinfo.ch

Ein Erfolg in Phase III hat personalisierte Krebsimpfstoffe näher an die klinische Routine gebracht. Moderna und MSD teilten diesen Sommer mit, dass ihr mRNA-Impfstoff Intismeran Autogene bei Patientinnen und Patienten mit chirurgisch entferntem Melanom wichtige Endpunkte erreicht habe. Zusammen mit Pembrolizumab, das unter dem Namen Keytruda verkauft wird, verabreicht, verzögerte der Impfstoff das Wiederauftreten oder die Ausbreitung des Krebses im Vergleich zu Keytruda allein deutlich.

Das Ergebnis ist bedeutsam, weil therapeutische Krebsimpfstoffe jahrzehntelang mehr versprochen haben, als sie halten konnten. Anders als vorbeugende Impfstoffe gegen HPV oder Hepatitis B werden diese Behandlungen Menschen verabreicht, die bereits an Krebs erkrankt sind oder behandelt wurden. Sie sollen dem Immunsystem beibringen, tumorspezifische Mutationen zu erkennen und verbliebene Krebszellen zu zerstören.

Die Studie prüfte mehrere Ansätze in einem Behandlungspaket: personalisierte Therapie, mRNA-Verabreichung und ein auf Mutationen ausgerichtetes Vorgehen. Die Unternehmen haben noch nicht bekannt gegeben, ob die Kombination das Leben der Patientinnen und Patienten verlängert. Die vollständigen Ergebnisse der Phase-III-Studie sollen Ende Oktober vorgestellt werden.

Für die Schweizer Onkologie ist die Entwicklung unmittelbar relevant. Olivier Michielin, Leiter der Onkologie am Universitätsspital Genf, beschäftigt sich seit mehr als 20 Jahren mit therapeutischen Krebsimpfstoffen. Er sagte, die Ergebnisse könnten einen Durchbruch darstellen, insbesondere weil Keytruda allein bereits gut wirke.

Den Impfstoff auf jeden Tumor abstimmen

Der Impfstoff wird anhand der genetischen Signatur eines einzelnen Tumors entwickelt. Intismeran Autogene nutzt die mRNA-Technologie, die auch den Covid-Impfstoffen zugrunde liegt, um Anweisungen zu übermitteln, die auf Mutationen im Krebs einer einzelnen Patientin oder eines einzelnen Patienten abgestimmt sind. Jede Dosis wird somit für eine bestimmte Person hergestellt, statt als einheitliches Produkt für eine breite Bevölkerung produziert zu werden.

Der Prozess beginnt mit einer Analyse des Tumors. Forschende identifizieren Mutationen, die bösartige Zellen von gesundem Gewebe unterscheiden könnten, und wählen dann Ziele aus, die eine Immunreaktion auslösen könnten. Der daraus entstehende Impfstoff wird zusammen mit Pembrolizumab verabreicht, einer Immuntherapie, die Immunzellen dabei unterstützt, Krebs anzugreifen. In der Melanomstudie war der Vergleich nicht ein inaktives Placebo, sondern Keytruda allein, eine bereits etablierte Behandlung.

Eine frühere, kleinere Studie mit der Kombination halbierte das Risiko eines erneuten Melanoms nahezu. Das Ergebnis der Phase-III-Studie liefert nun eine grössere Prüfung, ob sich dieses Signal in einen klinisch bedeutsamen Nutzen übertragen lässt. Die Unternehmen meldeten eine Verzögerung des Wiederauftretens oder der Ausbreitung; die Wirkung auf das Gesamtüberleben ist weiterhin nicht bekannt.

Diese Unterscheidung ist für Patientinnen und Patienten sowie für die Zulassungsbehörden wichtig. Ein Rückfall zu verhindern oder hinauszuzögern, kann Betroffenen weitere Operationen, Chemotherapie oder Immuntherapie ersparen. Bei der späteren Zulassungsbeurteilung werden jedoch Ausmass und Dauerhaftigkeit des Nutzens gegen den Aufwand abgewogen, für jede Patientin und jeden Patienten ein eigenes Produkt herzustellen.

Das Potenzial bei verschiedenen Krebsarten prüfen

Dieselbe Technologie erlitt nur neun Tage später bei Darmkrebs einen Rückschlag. BioNTech und Genentech, eine Roche-Tochtergesellschaft, brachen eine Phase-II-Studie mit ihrem personalisierten mRNA-Impfstoff ab, nachdem dieser bei Darmkrebs keinen Erfolg gezeigt hatte. Die Unternehmen testen den Impfstoff weiterhin bei Bauchspeicheldrüsenkrebs. Das zeigt, dass die Forschung die Plattform nach einem enttäuschenden Ergebnis nicht aufgegeben hat.

Die gegensätzlichen Mitteilungen mahnen davor, personalisierte Impfungen als eine einzige Behandlungskategorie zu betrachten. Ein Impfstoff, der nach einer Operation bei Melanomen wirkt, muss bei fortgeschrittenen oder biologisch andersartigen Krebsarten nicht dieselbe Reaktion auslösen. Tumormutationen unterscheiden sich je nach Krebsart und zwischen einzelnen Patientinnen und Patienten. Auch das Immunumfeld eines Tumors kann beeinflussen, ob aktivierte Immunzellen die Krankheit erreichen und kontrollieren.

Das Ergebnis bei Darmkrebs entkräftet die Melanombefunde nicht. Es macht jedoch die vollständigen Daten wichtig. Moderna und MSD haben bislang nur die wichtigsten Ergebnisse und nicht den vollständigen Datensatz der Phase-III-Studie veröffentlicht. Fachleute werden die Muster beim Wiederauftreten, die Nachbeobachtungszeit, Nebenwirkungen und die Merkmale der Personen untersuchen wollen, die profitiert haben.

Michielin sagte, die Melanomstudie könne mehrere Annahmen gleichzeitig bestätigen, darunter mRNA als Krebsbehandlung, tumorspezifische Mutationen als Angriffspunkte und die Herstellung von Therapien für einzelne Patientinnen und Patienten. Der Misserfolg bei Darmkrebs zeige, dass jede dieser Annahmen weiterhin bei verschiedenen Krankheiten geprüft werden müsse.

Die Schweizer Pharmaindustrie muss sich positionieren

Roche ist über die Partnerschaft mit BioNTech direkt am Wettlauf beteiligt, während Novartis noch nicht in den Bereich eingestiegen ist. Genentech, die Roche-Tochtergesellschaft, arbeitet mit dem deutschen Biotechnologieunternehmen am Programm für personalisierte mRNA-Impfstoffe zusammen. Die gescheiterte Darmkrebsstudie schafft damit für einen der beiden Schweizer Pharmariesen eine wissenschaftliche und strategische Herausforderung, auch wenn die Arbeit bei Bauchspeicheldrüsenkrebs weitergeht.

Laut den vorliegenden Informationen hat Novartis keine vergleichbare Position bei personalisierten Krebsimpfstoffen eingenommen. Das Basler Unternehmen ist damit nicht Teil des spezifischen Programms, das nach dem Melanomergebnis derzeit Aufmerksamkeit erregt. Daraus lässt sich weder schliessen, dass Novartis die Technologie ausgeschlossen hat, noch dass Roche seine gesamte Onkologiestrategie auf personalisierte Impfstoffe ausgerichtet hat. Es zeigt jedoch, wie unterschiedlich die beiden Unternehmen positioniert sind, während sich die Evidenz weiterentwickelt.

Die Herstellung ist entscheidend für die wirtschaftliche Beurteilung. Ein Standardmedikament kann in grossen Chargen produziert werden. Für einen personalisierten Impfstoff sind Tumorsequenzierung, Auswahl der Ziele, Entwicklung, Produktion und Qualitätskontrolle für jede einzelne Person nötig. Der Prozess muss in das Zeitfenster zwischen der Operation und dem Rückfallrisiko passen und gleichzeitig die regulatorischen Anforderungen an ein individualisiertes Produkt erfüllen.

Schweizer Forschende können Fachwissen in Onkologie, Immunologie und Präzisionsmedizin einbringen. Die Schweizer Pharmaindustrie muss ausserdem beurteilen, ob der klinische Nutzen, die Produktionskapazitäten und die Aussichten auf eine Kostenübernahme die Investition rechtfertigen.

Die Schweiz auf die nächste Studie vorbereiten

Das nächste Urteil fällt mit den vollständigen Melanomdaten Ende Oktober 2026. Die Präsentation der Phase-III-Ergebnisse sollte zeigen, wie gross der Nutzen ist, wie lange er anhält und ob die Behandlung Rückfälle verzögert, ohne zusammen mit Keytruda inakzeptable Nebenwirkungen zu verursachen. Möglicherweise wird sie auch zeigen, welche Patientinnen und Patienten am ehesten ansprechen. Das wird künftige Studien und die Planung des Gesundheitssystems beeinflussen.

Für die Schweiz reichen die Auswirkungen über die Labore von Roche und Novartis sowie die Universitätsspitäler hinaus. Forschende benötigen Zugang zu Tumorproben, Genomsequenzierung und klinischen Studiennetzwerken. Spitäler müssen rasche Tests und die Herstellung der Behandlungen koordinieren können. Versicherer und Behörden müssen sich später mit der Frage befassen, wie ein Medikament beurteilt und vergütet werden soll, das für jede einzelne Person hergestellt wird.

Das Land verfügt bereits über einschlägige Stärken, darunter bedeutende onkologische Zentren und einen starken Pharmasektor. Aus den vorliegenden Informationen geht nicht hervor, dass Schweizer Unternehmen bei personalisierten Krebsimpfstoffen führend sind. Roche ist über BioNTech beteiligt, während Novartis noch nicht in diesem Bereich aktiv ist. Die aktuellen Erkenntnisse bieten beiden Unternehmen und den Schweizer Forschenden eine klarere Grundlage für Investitionsentscheide.

Die Melanombefunde haben einen glaubwürdigen Weg hin zu personalisierten Impfungen eröffnet. Der Misserfolg bei Darmkrebs hat die Aussagen eingegrenzt, die sich verantwortungsvoll treffen lassen. Die Daten im Oktober werden zeigen, ob der Ansatz einen dauerhaften Fortschritt gebracht hat oder ob es sich um ein vielversprechendes Ergebnis handelt, das auf eine bestimmte Krebsart beschränkt ist.