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Swiss Observer

Die Rückkehr des Fischadlers: Nach 112 Jahren brütet erstmals wieder ein Paar in der Schweiz

In einem wegweisenden Erfolg für den Naturschutz hat ein Fischadlerpaar in der Schweiz drei Jungvögel ausgebrütet. Damit ist die erste dokumentierte Brut der Art im Land seit 1914 gelungen, dank eines langfristigen Wiederansiedlungsprojekts.

Die Rückkehr des Fischadlers: Nach 112 Jahren brütet erstmals wieder ein Paar in der Schweiz
AISWI swissinfo.ch

Eine unglaubliche 112-jährige Abwesenheit ist offiziell zu Ende: Der Fischadler erobert seinen Platz am Schweizer Himmel zurück. Zum ersten Mal seit 1914 hat ein Brutpaar auf Schweizer Boden erfolgreich drei Jungvögel ausgebrütet. Das ist ein gewaltiger Erfolg für den europäischen Naturschutz. Es ist nicht nur ein biologischer Meilenstein, sondern auch die entschlossene Umkehr einer Tragödie, die sich über ein Jahrhundert erstreckte. Einst wurde die Art von Wilderern und Eiersammlern rücksichtslos ausgerottet. Die Seen von Neuenburg, Biel und Murten waren dadurch auf gespenstische Weise von diesen Spitzenprädatoren entleert. Heute ist diese Stille gebrochen. Die Rückkehr des Fischadlers beweist, dass sich die Natur mit mutigem und anhaltendem menschlichem Einsatz wiederherstellen lässt. Das Paar liess sich auf einer von dreissig künstlichen Plattformen nieder, die Freiwillige sorgfältig platziert hatten. So wurde die Drei-Seen-Region zu einem Schauplatz ökologischer Wiedergeburt. Der genaue Standort wird zum Schutz der Vögel streng geheim gehalten, doch die Wirkung ihrer Anwesenheit ist in der ganzen Alpenrepublik spürbar.

Umsiedlungsstrategie trotzt allen Widrigkeiten

Eine gewaltige logistische Operation mit 66 importierten Jungvögeln trägt nun endlich Früchte. Zwischen 2015 und 2020 führte der Verein Nos Oiseaux ein anspruchsvolles Umsiedlungsprojekt durch und brachte Jungvögel aus Norwegen und Deutschland in Schweizer Volieren. Die Vögel wurden ohne jeden menschlichen Kontakt aufgezogen, damit ihre wilden Instinkte erhalten blieben. Diese Methode hat seit 1996 in ganz Europa stark an Beliebtheit gewonnen. Die Fakten sind eindeutig: Fischadler verfügen über einen biologischen «Heimfindesinn» und kehren, sobald sie im Alter von drei oder vier Jahren geschlechtsreif sind, in die Region zurück, in der sie erstmals flügge wurden. Das Männchen dieses historischen Brutpaars, das anhand eines nummerierten Rings identifiziert wurde, stammt direkt aus diesem Programm. Seine Partnerin, ein unberingtes Weibchen unbekannter Herkunft, steht derweil für den «wilden» Erfolg des Projekts. Sie zeigt, dass der Schweizer Lebensraum für Zugvögel wieder attraktiv ist. Diese Verbindung von unterstützter Wiederansiedlung und natürlicher Zuwanderung gilt als Goldstandard der modernen Wiederherstellung von Wildtierbeständen.

Überleben trotz widriger Bedingungen

Zwischen dem 25. und dem 29. Mai schlüpften drei Jungvögel, trotz eines notorisch kalten und regnerischen Frühlings. Die Projektkoordinatorin Wendy Strahm bezeichnet den Erfolg als «aussergewöhnlich», besonders angesichts der Verletzlichkeit der Neugeborenen im feuchten Klima des Schweizer Mittellands. Zwei Weibchen und ein Männchen haben nicht nur überlebt, sondern sich gut entwickelt und damit die Widerstandsfähigkeit der Art bewiesen. Das Weibchen legte am 19. April sein erstes Ei, nachdem es den Winter getrennt von seinem Partner in Afrika verbracht hatte. Dass die beiden wieder zusammenfanden und gleich beim ersten Versuch erfolgreich brüteten, ist eine statistische Ausnahme, die Fachleute verblüfft hat. Während viele Erstbrüter Schwierigkeiten haben, zeigte dieses Paar bemerkenswerte elterliche Instinkte. Der Erfolg unterstreicht, wie wichtig die dreissig von Freiwilligen installierten Nistplattformen sind. Ohne diese sicheren, erhöhten Strukturen wären die Eier wahrscheinlich Bodenräubern zum Opfer gefallen oder durch die Überschwemmungsgefahr eines rauen Frühlings verloren gegangen.

Die gefährliche Reise nach Süden beginnt

Die Freude wird durch eine ernüchternde Tatsache gedämpft: Den jungen Zugvögeln droht eine Sterblichkeitsrate von unglaublichen 80 Prozent. Gegen Ende August bereiten sich die drei Jungvögel darauf vor, ihren Schweizer Geburtsort zu verlassen und die beschwerliche Reise nach Afrika anzutreten. Dieser erste Zug ist die ultimative Überlebensprüfung. Sie müssen Tausende Kilometer zurücklegen, unberechenbares Wetter meistern und der Erschöpfung trotzen. Die kommenden Jahre verbringen sie im Süden, bevor ihre Instinkte sie 2027 oder später zur Rückkehr in die Schweiz bewegen. Für Nos Oiseaux und die Zukunft des Schweizer Bestands steht viel auf dem Spiel. Das erfolgreiche Schlüpfen der Jungvögel im Jahr 2026 hat jedoch einen Weg für die Zukunft aufgezeigt. Kehrt das Paar nächstes Jahr zurück, wird sich die Drei-Seen-Region als dauerhafte Brutkolonie etablieren. Die Schweiz steht nun an einem Wendepunkt: Sie entwickelt sich von einem Land, das einst seine Artenvielfalt verlor, zu einem Land, das sich aktiv und erfolgreich für deren Wiederherstellung einsetzt.