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Swiss Observer

Rumänischer Film «You Don’t Belong Here» gewinnt den Goldenen Leoparden am Filmfestival Locarno

Das 79. Filmfestival Locarno ist zu Ende gegangen. Der Hauptpreis, der Goldene Leopard, ging an den rumänischen Regisseur Florin Serban für «You Don’t Belong Here». Das Festival machte einen Trend zu Filmen sichtbar, die sich mit Jugend und dem Erwachsenwerden beschäftigen. Dies deutet auf eine Rückkehr des jüngeren Publikums und neue Investitionen in das unabhängige Kino hin.

Rumänischer Film «You Don’t Belong Here» gewinnt den Goldenen Leoparden am Filmfestival Locarno
AISWI swissinfo.ch

Der rumänische Regisseur Florin Serban hat die Erwartungen übertroffen und sich beim 79. Filmfestival Locarno den prestigeträchtigen Goldenen Leoparden gesichert. Sein packendes Drama «Nu e locul tau aici» (You Don’t Belong Here) setzte sich gegen 16 internationale Mitbewerber durch und gewann den mit stolzen 75’000 Franken dotierten Hauptpreis. Die Jury unter dem Vorsitz des belgischen Regisseurs Fabrice Du Welz lobte den Film für seine «aussergewöhnliche Beherrschung der Filmsprache» und ein Drehbuch voller roher, kompromissloser Energie. Dieser Sieg markiert für Serban eine kraftvolle Rückkehr zu alter Form. Die Geschichte eines verwitweten Vaters, der mit seinem delinquenten Sohn ringt, berührte sowohl die Kritikerinnen und Kritiker als auch die Jugendjury. Letztere zeichnete den Film zusätzlich mit 6’000 Franken aus. Locarno war zwar schon lange ein sicherer Ort für unabhängige Stimmen, doch Serbans Sieg signalisiert eine klare Hinwendung zu packendem Erzählen mit hohem Einsatz, das unbequemen häuslichen Realitäten nicht ausweicht.

Jugendliche Rebellion dominiert die Leinwand

Fast 50 Prozent der Filme in den diesjährigen Hauptwettbewerben drehten sich um die aufwühlenden Erfahrungen der Jugend und das Erwachsenwerden. Das ist kein Zufall, sondern Ausdruck einer Bewegung. Von den maskierten Rächerinnen und Rächer in Serbans Siegerfilm bis zum psychologischen Schlagabtausch zwischen Mutter und Sohn in Giovanni Tortoricis «Ketticè»: Das Festival wurde zum Spiegel einer Generation, die von Unruhe geprägt ist. Während Streamingdienste weiterhin die Unterhaltung zu Hause dominieren, zeigte Locarno 2026, dass jüngere Zuschauerinnen und Zuschauer für gemeinsame, intensive Kulturerlebnisse in die Kinos zurückkehren. Der Trend ist weltweit zu beobachten: Kanadische Thriller, ukrainische Kriegsdramen und brasilianische queere Liebesgeschichten kreisten alle um das Thema Identität. Der Aufschwung jugendzentrierter Erzählungen deutet darauf hin, dass die Branche endlich auf die Forderung der Generation Z nach Authentizität hört. Statt auf Hochglanz-Blockbuster zu setzen, wendet sie sich den rauen, poetischen Realitäten des modernen Lebens zu.

Risikokapital strömt in den unabhängigen Filmmarkt

Die Zahl der Branchenvertreterinnen und -vertreter bei Locarno Pro stieg auf den Rekordwert von 2’140 Akkreditierungen, ein Zuwachs von 10 Prozent, der auf einen massiven Zustrom neuer Investitionen hindeutet. Erstmals steigen Risikokapitalfirmen offensiv ins unabhängige Kino ein, um von der erneuten Nachfrage nach Kinostarts zu profitieren. Dieser finanzielle Aufschwung macht Locarno von einer blossen Kunstschau zu einem hochdynamischen Marktplatz, an dem über die Zukunft des weltweiten Verleihs entschieden wird. Während traditionelle Finanzierungsmodelle unter Druck stehen, ermöglicht die neue Welle an Private-Equity-Investitionen Debütfilmemacherinnen und -filmemachern, die zuvor nicht über die Mittel verfügten, um ein weltweites Publikum zu erreichen. Der Europa-Cinemas-Label-Preis für Serbans Film ebnet diesem zudem den Weg in Kinos in ganz Europa und stellt sicher, dass der künstlerische Erfolg von wirtschaftlicher Stärke gestützt wird. Die Botschaft ist klar: Unabhängiger Film ist längst kein Nischenprojekt mehr, sondern eine hochwertige Anlageklasse, die bedeutende Akteure aus aller Welt anzieht.

Globale Talente gestalten die Filmlandschaft neu

Die 79. Ausgabe war eine Meisterleistung globaler Vielfalt und zeigte, dass das Herz des Kinos weit über Hollywood hinaus schlägt. Der südkoreanische Altmeister Hong Sangsoo gewann für «Nowhere to Rest My Eyes» den Preis für die beste Regie. Die brasilianischen Regisseure Matheus Farias und Enock Carvalho erhielten für ihre eindringliche Auseinandersetzung mit Glauben und Politik in «A Margem do Rio» den Spezialpreis der Jury. Selbst etablierte Ikonen wie Monica Bellucci wurden bis an ihre Grenzen gefordert: Bellucci gewann einen Preis für die beste Schauspielleistung für ihre Darstellung einer psychisch labilen Mutter. Das Aufeinandertreffen erfahrener Meister und radikaler Neulinge schafft eine besondere Atmosphäre, die Locarnos Ruf als wagemutigstes Filmfestival der Welt festigt. Mit dem Ende des Festivals sind die Auswirkungen für die Schweiz beträchtlich: Es bleibt ein wichtiges Tor zur internationalen Kultur und bekräftigt die Rolle des Landes als neutraler, aber bedeutender Knotenpunkt der globalen Kunstwirtschaft. Der Goldene Leopard hat gesprochen, und die Welt schaut zu.