Kühne+Nagel
Kühne+Nagel will seine Geschichte während der NS-Zeit untersuchen
Das Schweizer Logistikunternehmen Kühne+Nagel will seine Aktivitäten während der NS-Zeit untersuchen und offenlegen, darunter auch seine Verbindungen zur Enteignung jüdischen Eigentums. Die Überprüfung folgt auf eine erneute kritische Auseinandersetzung mit der historischen Rolle des Unternehmens und dem Schicksal seines jüdischen Miteigentümers Adolf Maass.

Kühne+Nagel wird eines der schwierigsten Kapitel seiner Unternehmensgeschichte aufarbeiten. Die in Schwyz ansässige Logistikgruppe teilte am 24. September mit, dass sie ihre Aktivitäten während des Zweiten Weltkriegs untersuchen und offenlegen will, darunter mutmassliche Verbindungen zur Enteignung jüdischen Eigentums. Der Entscheid folgt auf eine erneute kritische Auseinandersetzung mit den deutschen Ursprüngen des Unternehmens, dem Schicksal des jüdischen Miteigentümers Adolf Maass und der Rolle der Familie Kühne während der NS-Zeit.
Verwaltungsratspräsident Jörg Wolle bestätigte die geplante Überprüfung in einem Interview mit dem deutschsprachigen Magazin Bilanz. Der Verwaltungsrat des Unternehmens werde das Vorhaben in naher Zukunft prüfen, sagte ein Sprecher der Wirtschafts-Nachrichtenagentur AWP. Kühne+Nagel hat noch nicht bekannt gegeben, wer die Untersuchungen durchführen wird, wie weit das Mandat reichen soll oder wann die Arbeit beginnt.
Mit der Ankündigung reiht sich das Unternehmen in die Gruppe Schweizer Firmen ein, die ihre Geschäftsbeziehungen zu Nazi-Deutschland und dem Holocaust aufarbeiten. Der Schweizer Hauptsitz in Schindellegi liegt weit entfernt von den Ursprüngen des Unternehmens in Bremen, doch die historische Überlieferung betrifft die umfassendere Unternehmensidentität der Gruppe. Eine Untersuchung muss klären, was das Unternehmen wusste, welche Entscheide es traf und wie jüdischen Opfern geraubtes Eigentum durch sein Logistiknetzwerk transportiert wurde.
Adolf Maass’ verlorenen Anteil von 45 Prozent nachzeichnen
Adolf Maass hielt 45 Prozent an Kühne+Nagel, bevor das NS-Regime ihn 1933 zum Ausscheiden zwang. Maass war jüdischer Teilhaber des Bremer Unternehmens, als die Regierung Adolf Hitlers begann, die wirtschaftlichen und zivilen Rechte der jüdischen Bevölkerung abzubauen. Den vorliegenden Angaben zufolge musste er seinen Anteil abtreten und verlor damit im ersten Jahr des Regimes seine Stellung im Unternehmen.
Maass wurde später nach Auschwitz deportiert. Er kehrte nie zurück. Seine Geschichte gibt der geplanten Untersuchung einen klar umrissenen menschlichen und unternehmerischen Fokus: den Umgang mit einem Miteigentümer, dessen Beteiligung vor der NS-Verfolgung fast die Hälfte des Unternehmens ausmachte.
Die Überprüfung des Unternehmens dürfte auch der Frage nachgehen, ob Kühne+Nagel von der Verdrängung jüdischer Eigentümer und Unternehmen profitierte. Eine vollständige Aufarbeitung müsste den Eigentumsübergang nachzeichnen, die beteiligten Personen identifizieren und klären, ob Maass oder seine Erben eine Entschädigung erhielten. Aus dem Quellenmaterial geht nicht hervor, was nach der erzwungenen Abtretung mit seinem Anteil geschah.
Für Beobachterinnen und Beobachter in der Schweiz wirft der Fall Fragen dazu auf, wie Unternehmen mit Hauptsitz in der Schweiz über Handlungen Rechenschaft ablegen, die von Vorgängerfirmen im Ausland begangen wurden. Die heutige Rechtsstruktur von Kühne+Nagel allein kann die Verantwortung für Entscheide im Deutschland der 1930er-Jahre nicht klären. Dafür braucht es Dokumente, unabhängige Analysen und eine öffentliche Darstellung der Belege.
Den Weg des beschlagnahmten Eigentums nachzeichnen
Die Untersuchung dürfte den Waren nachgehen, die jüdischen Menschen geraubt wurden, nachdem sie geflohen oder deportiert worden waren. Berichten zufolge transportierte Kühne+Nagel während der NS-Zeit bewegliches Eigentum, das jüdischen Opfern beschlagnahmt worden war. Dazu könnten Hausrat und andere persönliche Gegenstände gehört haben, die bei erzwungener Auswanderung, Deportation oder der Beschlagnahmung jüdischer Unternehmen weggenommen wurden.
Der vorliegende Bericht schreibt diese Aktivitäten dem Unternehmen unter der Leitung von Alfred Kühne, dem Vater von Klaus-Michael Kühne, zu. Er enthält weder ein vollständiges Verzeichnis der Sendungen noch Angaben zu den betroffenen Orten oder zum finanziellen Wert der Waren. Diese Einzelheiten werden für eine glaubwürdige historische Aufarbeitung zentral sein.
Logistikunternehmen nahmen im NS-System der Enteignung eine praktische Rolle ein. Sie lagerten, transportierten und lieferten Eigentum, nachdem staatliche Behörden den Menschen ihre Wohnungen und Geschäfte genommen hatten. Die Prüfung von Transportdokumenten könnte zeigen, wie die Verfolgung zu einem organisierten Verwaltungs- und Geschäftsprozess wurde.
Die Forschenden werden wahrscheinlich Unternehmensarchive, deutsche Staatsakten, Eigentumsansprüche und Unterlagen jüdischer Familien konsultieren müssen. Bei der Aufarbeitung sollte zudem zwischen direkten Anweisungen, kommerziellen Dienstleistungen und allfälliger Zusammenarbeit mit den NS-Behörden unterschieden werden. Diese Unterscheidungen sind für Historikerinnen und Historiker sowie für Menschen wichtig, die Informationen über Angehörige suchen, deren Besitz während des Holocaust verschwand.
Den Weg von Bremen nach Schwyz nachverfolgen
Die Geschichte von Kühne+Nagel reicht von Bremen im Jahr 1890 bis ins heutige Schindellegi. August Kühne und Friedrich Nagel gründeten das Unternehmen in Bremen im deutschen Bundesland Niedersachsen, um Kaffee, Kakao, Wolle, Baumwolle und Getreide zu transportieren. Das frühe Geschäft beruhte auf dem Warentransport innerhalb deutscher Handelsnetzwerke.
1975 eröffnete die Gruppe eine Niederlassung in Pfäffikon im Kanton Schwyz. Siebzehn Jahre später verlegte sie ihren Hauptsitz nach Schindellegi, wo er sich noch heute befindet. Das Unternehmen präsentiert sich inzwischen als globaler Logistikdienstleister. Seine Geschichte umfasst Deutschland, die Schweiz und internationale Lieferketten.
Diese Entwicklung macht die geplante Untersuchung auch in der Schweiz relevant, obwohl sich die mutmasslichen Aktivitäten während des Krieges in Deutschland abspielten. Kühne+Nagel ist seit mehr als fünf Jahrzehnten in der Schweiz präsent, während die Gründung des Unternehmens in Deutschland mehr als vierzig Jahre vor dem NS-Regime erfolgte. Eine historische Aufarbeitung muss erklären, wie sich Eigentümerschaft, Führung und Rechtsstruktur des Unternehmens über diese Zeiträume hinweg veränderten.
Der heutige Verwaltungsrat von Kühne+Nagel hat weder einen Starttermin festgelegt noch ein externes Forschungsteam benannt. Diese Entscheide werden darüber bestimmen, ob die Aufarbeitung eine interne Unternehmensübung bleibt oder zu einer unabhängig beurteilten Untersuchung wird, deren Ergebnisse öffentlich zugänglich sind.
Das Versprechen des Verwaltungsrats überprüfbar machen
Die neue Haltung des Unternehmens kehrt die mit Klaus-Michael Kühne verbundene Position um. Der langjährige Mehrheitsaktionär habe sich zu Lebzeiten gegen eine vertiefte historische Untersuchung der NS-Vergangenheit von Kühne+Nagel ausgesprochen, berichtet Bilanz. Laut dem Bericht war er insbesondere nicht bereit, eine Expertenstudie zu finanzieren, die die Rolle seines Vaters Alfred Kühne kritisch untersucht hätte.
Jörg Wolle sagte, die Auseinandersetzung mit dem Thema entspreche Kühnes Wünschen. Die Aussage folgt auf den kürzlichen Tod von Klaus-Michael Kühne und fällt in eine Zeit, in der sein Nachlass und das Erbe des Unternehmens verstärkt in den Blick gerückt sind. Swissinfo berichtete, dass er sein Vermögen von 49 Milliarden Dollar einer Schweizer Stiftung hinterliess, da er keine Erben hatte.
Dem Verwaltungsrat stehen nun konkrete Entscheidungen bevor. Er kann unabhängige Historikerinnen und Historiker beauftragen, eine transparente Archivpolitik festlegen, die Nachkommen von Adolf Maass kontaktieren und die Ergebnisse vollständig veröffentlichen. Zudem kann er klären, ob die Untersuchung auch Entschädigung und Rückerstattung umfasst oder sich auf die Rekonstruktion der Ereignisse beschränkt.
Für die Schweiz wird das Ergebnis zeigen, wie ein grosses Unternehmen mit über Grenzen hinweg vererbter Verantwortung umgeht. Die nächsten Schritte sind konkret: ein Mandat, ein Forschungsteam, Zugang zu Dokumenten und ein Veröffentlichungsdatum. Solange diese nicht bekannt gegeben sind, bleibt Kühne+Nagels Zusage ein Versprechen, dessen Einlösung noch aussteht.