Gesundheit
Das vermessene Selbst: Macht das Erfassen von Gesundheitsdaten mit Wearables wirklich gesünder?
Von Smartwatches, die den Schlaf überwachen, bis hin zu Ganzkörper-Scans: Immer mehr Menschen in der Schweiz nutzen Technologie, um ihre Körperdaten zu erfassen. Doch mit der zunehmenden Verbreitung des Trends stellt sich die Frage: Was bringen diese allgegenwärtigen Geräte und Dienstleistungen zur Gesundheitsüberwachung tatsächlich, und wo liegen ihre Grenzen?

Erstaunliche 162,7 Milliarden Dollar. So hoch soll der Wearables-Markt in den nächsten fünf Jahren bewertet sein. Diese Zahl steht für einen grundlegenden Wandel in unserem Umgang mit der eigenen Biologie. Die Zeiten einfacher Schrittzähler liegen weit hinter uns. Heute boomt die Branche, angetrieben von einem unstillbaren öffentlichen Interesse daran, jeden Herzschlag, jeden Schlafzyklus und jeden Stressanstieg zu messen. Das ist längst kein Nischenhobby für Technikbegeisterte mehr, sondern eine globale Gesundheitsrevolution.
Ironischerweise liegen die Wurzeln dieser digitalen Besessenheit tief in der Schweiz. 1780 entwickelte Abraham-Louis Perrelet den weltweit ersten Schrittzähler, ein mechanisches Meisterwerk zum Zählen von Schritten. Jahrhunderte später ist aus dieser mechanischen Erfindung digitale Allgegenwärtigkeit geworden. War Perrelets Erfindung noch eine Kuriosität, sind moderne Geräte für viele medizinisch unverzichtbar. Der Markt soll sich gegenüber seinem Wert von 60,9 Milliarden Dollar im Jahr 2024 mehr als verdoppeln. Die Botschaft des Marktes ist eindeutig: Gesundheit ist nicht mehr etwas, das man einfach spürt, sondern etwas, das man messen, verfolgen und optimieren muss.
Das Wellness-Statussymbol
Vergessen Sie Designerhandtaschen: Das ultimative Statussymbol im Jahr 2026 ist ein unauffälliger Ganzkörper-MRI-Befund. Der von Influencerinnen und Influencern wie Kim Kardashian befeuerte Trend hat die Präventivmedizin zu einem Luxusgut gemacht. Privatkliniken nutzen diesen von Ängsten getriebenen Markt, und ihre Bewertungen schnellen in die Höhe. Function Health allein ist inzwischen 2,5 Milliarden Dollar wert, während der schwedische Konkurrent Neko Health auf 1,8 Milliarden Dollar kommt.
Die Schweiz, bereits ein globales Zentrum für luxuriöse Wellness-Angebote, erlebt in diesem Bereich einen Aufschwung. Allein in den vergangenen drei Jahren sind mindestens fünf neue Start-ups entstanden, die sich auf Ganzkörper-Scans spezialisiert haben. Sie richten sich an Kundinnen und Kunden, die bereit sind, hohe Preise dafür zu zahlen, einen Blick ins eigene Körperinnere zu werfen. Die Kliniken versprechen, Krankheiten frühzeitig zu erkennen, und verkaufen Gesunden ein Gefühl der Sicherheit. Diese aggressive Kommerzialisierung wirft jedoch entscheidende Fragen auf: Machen wir Gesundheit für alle zugänglich, oder schlagen wir aus Hypochondrie Kapital? Die Grenze zwischen vernünftiger Prävention und profitabler Angstmacherei verschwimmt zunehmend.
Medizinische Realität und kommerzieller Hype
Während Risikokapitalgeber Milliarden in Start-ups für Scans investieren, schlagen führende Schweizer Medizinexpertinnen und -experten Alarm. «Ganzkörper-Scans sind ein Geschäft, das von Grund auf mit dem Ziel aufgebaut wurde, Geld zu verdienen», erklärt Dr. Francis Meier vom Swiss Center for Preventive Medicine. Seine Warnung ist unmissverständlich und fundiert: Was gut fürs Geschäft ist, ist selten das Beste für die Patientinnen und Patienten.
Die Gefahr liegt in den Daten. Wahllose Scans bei gesunden Menschen führen häufig zu «falsch-positiven» Befunden, also Auffälligkeiten, die sich nie zu einer Krankheit entwickeln, aber grosse psychische Belastungen und unnötige, invasive Folgeuntersuchungen auslösen. In der Schweiz gibt es bereits solide Screening-Programme für behandelbare Krebserkrankungen. Damit sind private, gewinnorientierte Scans für viele medizinisch überflüssig. Dr. Meier betont, dass die Branche von der Angst der «besorgten Gesunden» lebt. So entsteht ein Kreislauf, in dem mehr Daten zu mehr Angst statt zu besserer Gesundheit führen. Im Wettlauf darum, unseren Körper messbar zu machen, laufen wir Gefahr, normale menschliche Körperfunktionen zu pathologisieren.
Die Regeln für die tägliche Gesundheit neu schreiben
Die Regel von den «10'000 Schritten», eine Marketing-Erfindung aus den 1960er-Jahren, ist inzwischen widerlegt. Seit 2025 gilt eine neue magische Zahl für die Gesundheitsoptimierung: 7'000 Schritte. Diese Korrektur zeigt, wie sich Daten weiterentwickeln. Moderne Wearables leisten jedoch weit mehr, als Schritte zu zählen: Sie retten Leben. Die Apple Watch, einst als Luxusspielzeug abgetan, ist heute ein von der FDA zugelassenes Medizinprodukt. Sie kann Vorhofflimmern erkennen und ihre Trägerinnen und Träger auf Herzrhythmusstörungen aufmerksam machen, bevor diese tödlich werden.
Auch gegen den «stillen Killer» Bluthochdruck kommen diese Geräte zum Einsatz. 30 Prozent der Erwachsenen sind davon betroffen, oft ohne es zu wissen. Dass Konsumententechnologie die Gefässgesundheit überwachen kann, ist ein Wendepunkt. Von Garmin-Smartwatches, die Energiereserven als «Body Battery» erfassen, bis hin zu Neurable-Kopfhörern, die mithilfe eines EEG die Konzentration messen: Die durchschnittlichen Konsumentinnen und Konsumenten haben Zugriff auf eine nie dagewesene Datendetailtiefe. Wir müssen über unsere Gesundheit nicht mehr rätseln, sondern können sie mit klinischer Präzision am Handgelenk überwachen.
Das Schweizer Langlebigkeitsparadox
Die Schweiz steht am Schnittpunkt von Tradition und Innovation. Als historisches «Health Valley», das für eine hohe Lebenserwartung bekannt ist, ist das Land einzigartig positioniert, um diese Revolution der messbaren Gesundheit anzuführen. Der technologische Aufschwung zwingt uns jedoch, uns einer unbequemen Wahrheit zu stellen: Mehr Daten bedeuten nicht automatisch ein längeres Leben. Unsere Lebenserwartung ist innerhalb von zwei Generationen um fast 30 Jahre gestiegen. Wie gut wir diese Jahre verbringen, hängt jedoch von umsetzbaren Gesundheitsentscheidungen ab und nicht bloss von passiver Überwachung.
Die Zukunft der Schweizer Gesundheit liegt nicht in der blinden Anhäufung von Daten, sondern in ihrer intelligenten Anwendung. Ob ein Start-up im Wert von 285 Millionen Franken oder ein einfacher Schrittzähler: Die Technologie ist nur ein Werkzeug. Die Herausforderung für die Schweizer Bevölkerung besteht darin, diese wertvollen Erkenntnisse zu nutzen, ohne der kommerziellen Maschinerie zum Opfer zu fallen, die jeden Herzschlag zu einem verrechenbaren Ereignis machen will. Wir müssen die Herren unserer Technologie bleiben und dürfen nicht zu ihren Untertanen werden.