Umwelt
Ziel zum Meeresschutz könnte erst in 265 Jahren erreicht werden, sagt Greenpeace
Greenpeace zufolge sind derzeit nur 3.5% der Weltmeere vollständig oder weitgehend geschützt. Damit ist das globale Ziel, bis 2030 30% der Meere zu schützen, in weiter Ferne. Die in der Schweiz ansässige Organisation schätzt, dass das Ziel beim aktuellen Tempo erst in 265 Jahren erreicht würde.

Nur 3.5% der Weltmeere sind vollständig oder weitgehend geschützt, wie aus einer Greenpeace-Studie hervorgeht, die zum Auftakt der UN-Konferenz über die biologische Vielfalt in Armenien veröffentlicht wurde. Bei der derzeitigen Ausweitung des Schutzes würde es laut Berechnungen der Organisation weitere 265 Jahre dauern, bis das internationale Ziel erreicht ist, bis 2030 30% der Meere zu schützen.
Die Zahlen verdeutlichen, wie gross die Kluft zwischen der von den Regierungen eingegangenen Verpflichtung und den Aktivitäten auf See ist. Ein Schutzstatus kann zerstörerische Praktiken wie Überfischung und Tiefseebergbau einschränken. Die Schutzgebiete müssen jedoch jene Orte umfassen, an denen sich Meerestiere ernähren, fortpflanzen und wandern. Im Bericht Well Connected argumentiert Greenpeace, dass bestehende und geplante Gebiete noch kein ausreichend vernetztes Schutzgebietsnetz bilden.
Der Zeitpunkt verleiht der Einschätzung zusätzliches Gewicht. Die Regierungen kommen zusammen, um die Umsetzung globaler Abkommen zur biologischen Vielfalt voranzutreiben, während die Verhandlungen über die Verwaltung der Hohen See weitergehen. Die Hohe See liegt ausserhalb nationaler Hoheitsgebiete und macht einen grossen Teil der Meere aus. Daher ist koordiniertes Handeln unerlässlich.
Greenpeace erklärte, 17 Gebiete ermittelt zu haben, die gemäss dem Globalen Ozeanvertrag vollständig geschützt werden sollten. Die Organisation fordert die Regierungen auf, von allgemeinen Versprechen zu rechtlich abgesicherten Meeresschutzgebieten überzugehen.
Schutzgebiete für wandernde Arten vernetzen
Vier von fünf Lederschildkröten-Lebensräumen mit mittlerem bis hohem Beifangrisiko liegen ausserhalb der geplanten Schutzgebiete. Greenpeace führt diesen Befund als Beleg dafür an, dass Standort und Gestaltung von Meeresschutzgebieten ebenso wichtig sind wie deren Gesamtfläche.
Lederschildkröten überqueren während langer Wanderungen nationale Grenzen und durchqueren Gewässer, die von Fischereiflotten und der kommerziellen Schifffahrt genutzt werden. Ein Schutzgebiet, das ein Nahrungsgebiet umfasst, die verbindende Wanderroute aber ungeschützt lässt, bietet einer Art, die ständig unterwegs ist, nur begrenzte Sicherheit. Dasselbe gilt für Wale und andere wandernde Tiere, deren Verbreitungsgebiete Küstengewässer und die Hohe See umfassen.
Greenpeace schlägt ein vernetztes Schutzgebietsnetz im Atlantik vor. Der Plan würde 31% der Hohen See im Atlantik vollständig schützen und Lebensräume wandernder Arten miteinander verbinden. Laut der Organisation würde das Netz fast 45% der Gefahrenzonen für Buckelwale umfassen und das Risiko von Schiffskollisionen senken.
Der Vorschlag spiegelt einen umfassenderen Wandel in der Naturschutzplanung wider. Der Schutz der Meere wird zunehmend anhand der ökologischen Abdeckung, der Durchsetzung von Vorschriften und der Verbindungen zwischen Lebensräumen beurteilt, statt anhand der Zahl isolierter, auf dem Papier angekündigter Gebiete. Für Fischereigemeinschaften und Schifffahrtsunternehmen könnte dieser Ansatz neue Einschränkungen an bestimmten Orten mit sich bringen, zugleich aber auch klarere Regeln für bereits stark belastete Gebiete schaffen.
Den Vertrag über die Hohe See in Schutz umsetzen
Greenpeace hat 17 Gebiete ermittelt, die gemäss dem Globalen Ozeanvertrag vollständig geschützt werden sollten. Der Vertrag soll einen Rechtsrahmen für die Einrichtung von Meeresschutzgebieten in Gewässern ausserhalb nationaler Hoheitsgebiete schaffen, in denen kein einzelnes Land allein handeln kann.
Das Abkommen macht auch die praktischen Herausforderungen hinter dem Ziel von 30% deutlich. Die Regierungen müssen sich darauf einigen, welche Gebiete infrage kommen, Bewirtschaftungsregeln festlegen und Systeme einrichten, mit denen sich die Aktivitäten in abgelegenen Gewässern überwachen lassen. Schutz erfordert mehr, als Grenzen auf einer Karte einzuzeichnen. Er hängt von Überwachung, Zusammenarbeit mit Fischerei- und Schifffahrtsbehörden sowie der Durchsetzung von Vorschriften gegen illegale oder schädliche Aktivitäten ab.
Der Aufruf von Greenpeace erfolgt, während die Regierungen in Armenien ihre Zusagen zum Schutz der biologischen Vielfalt überprüfen. Die Organisation sagt, das derzeitige Tempo hinterlasse eine grosse Lücke zwischen politischen Erklärungen und deren Umsetzung. Das vorgeschlagene Schutzgebietsnetz im Atlantik bietet eine mögliche Möglichkeit, die Fortschritte zu beschleunigen, insbesondere bei Arten, deren Lebensräume sich über mehrere Hoheitsgebiete erstrecken.
Die Debatte überschneidet sich auch mit dem kommerziellen Druck auf die Meere. Überfischung beeinträchtigt die Nahrungsmittelversorgung und die Küstenwirtschaft, während das Interesse am Tiefseebergbau trotz anhaltender Auseinandersetzungen über seine Folgen für die Umwelt wächst. Die im Rahmen des Vertrags getroffenen Entscheide werden mitbestimmen, welche Aktivitäten in Schutzgebieten zulässig sind und wie die internationale Gemeinschaft auf Regelverstösse reagiert.
Die Schweiz prüft ihren nächsten Schritt beim Vertrag
Die Schweiz hat den Globalen Ozeanvertrag unterzeichnet, aber noch nicht ratifiziert. Der nächste Schritt hängt von der innerstaatlichen Gesetzgebung ab. Das geplante Hochseeschutzgesetz soll die Rechtsgrundlage für die Ratifizierung schaffen. Die Vernehmlassung zu diesem Gesetz endete Anfang Oktober 2026.
Obwohl die Schweiz keine Küste hat, wirken sich Entscheide zur Meerespolitik über ihre internationalen Verpflichtungen, Forschungsinstitutionen, Schifffahrtsinteressen und den Konsum von Meeresfrüchten auch auf das Land aus. Mit einer Ratifizierung würde die Schweiz einen Vertrag unterstützen, der Schutzgebiete in internationalen Gewässern ermöglichen soll. Zugleich würde sich zeigen, wie rasch das Schweizer politische System ein ausgehandeltes internationales Abkommen in nationales Recht umsetzen kann.
Der Prozess findet parallel zum wachsenden Druck statt, die Ziele zum Schutz der biologischen Vielfalt zu erreichen. Greenpeace sagt, die Regierungen müssten die Ausweisung von Schutzgebieten beschleunigen und diese entlang der Wanderrouten miteinander vernetzen. Für die Schweiz stellt sich unmittelbar die Frage, ob die Bundesbehörden und das Parlament die für die Genehmigung des Vertrags erforderlichen Schritte abschliessen und wie sich das Land an der Umsetzung beteiligen wird, sobald das Abkommen in Kraft tritt.
Die Schätzung von Greenpeace, wonach es noch 265 Jahre dauern würde, stützt sich auf das aktuelle Fortschrittstempo. Dieses könnte sich durch neue Schutzgebiete, eine konsequentere Durchsetzung und koordiniertes Handeln im Rahmen des Vertrags ändern. Das vorgeschlagene Schutzgebietsnetz im Atlantik zeigt, welche Grössenordnung an Massnahmen Greenpeace von den Regierungen erwogen wissen möchte.