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Swiss Observer

Von der Verfolgung zur Plattform: Die unsichtbaren Herausforderungen von Journalistinnen und Journalisten im Exil in der Schweiz

Während die Schweiz Sicherheit bietet, stehen Journalistinnen und Journalisten, die vor der Repression in Ländern wie Afghanistan geflohen sind, vor enormen Herausforderungen. Sie haben Mühe, Plattformen zu finden, sich auf dem lokalen Arbeitsmarkt zurechtzufinden und ihre Arbeit fortzusetzen. Dabei wird ihre wichtige Berichterstattung oft zu unbezahlter Arbeit aus Leidenschaft.

Von der Verfolgung zur Plattform: Die unsichtbaren Herausforderungen von Journalistinnen und Journalisten im Exil in der Schweiz
AISWI swissinfo.ch

Die Schweiz bietet eine eiserne Garantie für körperliche Sicherheit, doch für die Journalistin im Exil wird dieses Schutzgebiet oft zu einem goldenen Käfig. Während sich die Schweizerische Eidgenossenschaft ihrer Pressefreiheit rühmt, sehen sich Dutzende Reporterinnen und Reporter, die vor Krieg und Repression geflohen sind, nun mit einer niederschmetternden Realität konfrontiert: Sie haben eine Stimme, aber keine Plattform. Sie haben die Bedrohung durch eine Kugel gegen das Schweigen der Bürokratie eingetauscht. Der Übergang ist erschütternd. Diese Fachleute, die einst den nationalen Diskurs in Kabul oder Istanbul prägten, finden sich nun am Rand des Schweizer Arbeitsmarkts wieder. Sie können sicher berichten, doch die Möglichkeiten, ein Publikum zu erreichen, sind äusserst begrenzt. Das ist nicht bloss eine persönliche Tragödie, sondern eine systemische Verschwendung von intellektuellem Kapital. Die Schweiz gewährt eine Aufenthaltsbewilligung, doch der Weg zu einer beruflichen Medienkarriere bleibt versperrt, durch sprachliche Hürden und eine stark umkämpfte lokale Branche, die nur selten über die eigenen Landesgrenzen hinausblickt.

Berichterstattung aus dem Schatten von Zug

In einer bescheidenen Wohnung am Stadtrand von Zug führt Najibah Zartosht einen digitalen Kampf gegen das Schweigen. Als Chefredaktorin von «Afghanistan Women’s Voice» koordiniert sie ein globales Redaktionsteam, um den Schleier der medialen Blackouts der Taliban zu durchdringen. Ihre Arbeit ist eine beeindruckende journalistische Leistung, wie ein kürzlich veröffentlichter Enthüllungsbericht mit 30'000 Zeichen über «Bacha Posh» zeigt, Mädchen, die gezwungen sind, als Jungen zu leben, um der Frauenfeindlichkeit zu entkommen. Während die Taliban Frauen seit August 2021 systematisch Bildung und Beschäftigungsmöglichkeiten verwehren, nutzt Zartosht die digitale Infrastruktur der Schweiz, um säkulare, feministische Perspektiven in ihre Heimat zu senden. Der Gegensatz ist jedoch frappant: Obwohl sie ein wichtiges internationales Medium leitet, verdient sie für ihre Führungsarbeit keinen einzigen Franken. Ihre Arbeit ist eine Herzensangelegenheit, finanziert von einem Schweizer Verein, der ihre Mitarbeitenden vor Ort bezahlt, während sie selbst sich mit den Herausforderungen auseinandersetzen muss, in der Zentralschweiz Studentin und Geflüchtete zu sein.

Die «neue Normalität» aufbrechen

Die grösste Bedrohung für die Menschenrechte ist nicht nur Gewalt, sondern die schleichende Normalisierung der Unterdrückung. Zartosht stellt sich dieser Entwicklung direkt entgegen und weigert sich, eine Welt hinzunehmen, in der afghanische Mädchen vom Schulbesuch ausgeschlossen sind, als wäre dies ein normaler Zustand. «Das ist nicht normal», erklärt sie mit unmissverständlicher Bestimmtheit. Ihr Magazin ist ein wichtiger Schutzwall gegen die internationale Gleichgültigkeit. Indem sie täglich Inhalte für ein Publikum bereitstellt, das unter einer Diktatur lebt, leistet sie einen demokratischen Dienst, der die Reichweite vieler lokaler Schweizer Journalistinnen und Journalisten übertrifft. Doch die Ironie bleibt: Sie ist Übersetzungsexpertin, die einst Franz Kafkas Farsi-Übersetzungen in die Welt brachte, und hat nun Mühe, ihren eigenen Platz in der Schweizer Berufswelt zu finden. Die Dringlichkeit ihrer Mission ist offensichtlich: Jede veröffentlichte Geschichte ist ein Schlag gegen die Verstummung eines ganzen Geschlechts. Angesichts der stark steigenden Suizidraten unter afghanischen Frauen ist die Plattform, die sie bietet, nicht nur Journalismus, sondern eine Rettungsleine.

Durch das Schweizer Arbeitsmarktlabyrinth

Die Zukunft der Schweiz als Zentrum für globale Menschenrechte hängt davon ab, wie sie diese Stimmen aus dem Exil integriert. Der Arbeitsmarkt stellt derzeit eine alarmierende Hürde dar. Viele Journalistinnen und Journalisten sind gezwungen, ihren Beruf ganz aufzugeben und ihre investigativen Fähigkeiten gegen Einstiegsstellen in branchenfremden Bereichen einzutauschen, nur um zu überleben. Die Schweizer Sicht auf die Demokratie ist weltweit renommiert, läuft jedoch Gefahr, sich abzuschotten, wenn sie die gelebten Erfahrungen jener nicht einbeziehen kann, die die Pressefreiheit unter Einsatz ihrer Heimat verteidigt haben. Für die Schweiz steht viel auf dem Spiel: Innerhalb ihrer Grenzen lebt ein beträchtlicher Schatz an ungenutztem Fachwissen auf höchstem Niveau. Diese Journalistinnen und Journalisten zu unterstützen, ist nicht bloss ein Akt der Wohltätigkeit, sondern eine Investition in den weltweiten Kampf für die Wahrheit. Während Zartosht und ihre Kolleginnen und Kollegen weiterhin von der Peripherie aus berichten, bleibt für die Schweizer Gesellschaft die Frage: Werden wir ihnen die berufliche Plattform bieten, die sie sich durch ihren Mut verdient haben?