E-Commerce
Chinesischer Paketdienst nimmt den schnell wachsenden Schweizer E-Commerce-Markt ins Visier
Ein chinesisches Logistikunternehmen bereitet den Eintritt in den Schweizer Paketliefermarkt vor, während Temu und Shein immer grössere Mengen günstiger Waren an Schweizer Konsumentinnen und Konsumenten versenden.

Eine geplante Kapazität von 50'000 Paketen pro Tag bringt einen neuen chinesischen Anbieter direkt ins Rennen um die Paketzustellung in der Schweiz. Speedaf baut ein Sortier- und Vertriebsnetz auf, während Temu und Shein immer grössere Mengen günstiger Waren an Schweizer Haushalte versenden. Bei voller Auslastung entspräche der geplante Durchsatz des Unternehmens rund 15 Millionen Paketen pro Jahr.
Der Markteintritt erfolgt, während der grenzüberschreitende Onlinehandel den Schweizer Paketmarkt wachsen lässt. PostCom, die Postaufsichtsbehörde des Landes, meldete, dass das Volumen importierter Pakete 2025 um rund 12% gestiegen sei. Dieses Wachstum eröffnet internationalen Logistikunternehmen Chancen, insbesondere bei Sendungen aus China.
Der Eintritt von Speedaf könnte die Schweizerische Post und DPD unter Druck setzen, zwei der führenden Paketdienstleister des Landes. Laut Stephan Wagner, Logistikprofessor an der ETH Zürich, sind tiefere Zustellpreise möglich, insbesondere wenn das neue Netzwerk wächst. Die Auswirkungen auf den Wettbewerb hängen davon ab, wie schnell Speedaf seine Routen auslastet, welche Preise das Unternehmen anbietet und ob es bei Zuverlässigkeit und Abdeckung mit etablierten Anbietern mithalten kann.
Für Schweizer Konsumentinnen und Konsumenten dürfte sich zunächst vor allem ändern, dass ihre Pakete über ein anderes Netzwerk ankommen. Für die Zustellbranche signalisiert die Expansion einen weitreichenderen Wandel: Chinesische E-Commerce-Gruppen arbeiten zunehmend mit Logistikunternehmen zusammen, die die gesamte Lieferkette kontrollieren wollen, einschliesslich der letzten Zustellung innerhalb Europas.
Grenzüberschreitender Einkauf treibt die Nachfrage
Das Volumen importierter Pakete in der Schweiz ist 2025 um rund 12% gewachsen und schafft Platz für einen weiteren grossen Anbieter. Der Anstieg spiegelt die Stärke des grenzüberschreitenden E-Commerce wider, bei dem Konsumentinnen und Konsumenten Kleidung, Haushaltswaren und Elektronik direkt über ausländische Plattformen bestellen können. Temu und Shein haben dazu beigetragen, dass der internationale Einkauf zu tiefen Preisen zum Alltag gehört.
Dieser Warenverkehr verändert die Wirtschaftlichkeit der Zustellung. Ein Paketdienst, der grosse Mengen von wenigen ausländischen Verkäufern abwickelt, kann Sortierung, Zollabfertigung und Zustellung auf der letzten Meile auf planbare Volumen ausrichten. Auch die kompakte Geografie der Schweiz ist ein Vorteil. Mit einer begrenzten Zahl strategisch platzierter Standorte lässt sich ein grosser Teil des Landes erreichen, ohne dass die umfangreiche Infrastruktur nötig ist, die grössere europäische Märkte erfordern.
Speedaf plant regionale Vertriebszentren in Zürich, Bern und Lausanne sowie ein 4'000 Quadratmeter grosses Sortierzentrum. Die Standorte würden dem Unternehmen Zugang zu den grössten Bevölkerungszentren der Schweiz und zu wichtigen Verkehrskorridoren verschaffen. Sie liegen zudem nahe bei den drei wichtigsten Sprachregionen des Landes. Aus dem vorliegenden Material geht jedoch nicht hervor, wann die einzelnen Zentren den Vollbetrieb aufnehmen sollen.
Das Wachstum des Marktes garantiert keine Gewinne. Pakete erfordern weiterhin eine effiziente Zollabfertigung, korrekte Adressen, zuverlässige Zustellzeitfenster und einen funktionierenden Retourenservice. Schweizer Konsumentinnen und Konsumenten mögen Verzögerungen bei sehr günstigen Waren hinnehmen, doch etablierte Paketdienste haben Vorteile dank ihrer lokalen Kenntnisse und bestehenden Netzwerke. Ob Speedaf importierte Paketmengen in verlässliche inländische Zustellrouten umwandeln kann, wird darüber entscheiden, ob die geplante Kapazität zu einer Wettbewerbskraft wird oder unausgelastet bleibt.
Speedaf baut eine Schweizer Logistikbasis auf
Speedaf Logistics (Switzerland) Sàrl wurde im April 2026 in Freiburg eingetragen und verfügt damit über eine formelle Schweizer Basis für die Expansion. Speedaf wurde 2019 gegründet und ist auf grenzüberschreitende Logistik sowie die Zustellung auf der letzten Meile spezialisiert, die China mit Märkten im Ausland verbindet. ZTO Express gehörte zu den ursprünglichen Aktionären des Unternehmens.
Der Schweizer Betrieb soll mehr als nur den Pakettransport abdecken. Im Handelsregistereintrag sind Zollabfertigungsdienste, Fracht und Lagerhaltung aufgeführt. Diese Kombination könnte es Speedaf ermöglichen, Sendungen ab ihrem Eintritt in die Schweiz bis zur Haustür der Kundschaft abzuwickeln. Das Unternehmen würde damit auch eine direkte Rolle bei einem der kostspieligsten Schritte für manche internationalen Pakete übernehmen.
Die Schweizerische Post verlangt für die Zollabfertigung eines kleinen Pakets von ausserhalb der EU 16 CHF, unabhängig vom Warenwert. Diese Gebühr bietet einem neuen Anbieter für chinesische Importe einen klaren Vergleichspunkt. Speedaf könnte mit einer anderen Bündelung der Zoll- und Zustellkosten konkurrieren. Zu den Schweizer Preisen oder Servicebedingungen des Unternehmens gibt es bislang jedoch keine öffentlichen Angaben.
Speedaf führt bereits Betriebe in Irland, Albanien, Montenegro und Serbien auf. Im Vergleich zu den europaweiten Netzwerken etablierter Paketgruppen ist die Präsenz weiterhin selektiv. Die Schweiz könnte daher zu einem Testmarkt für ein fokussiertes Modell werden, das auf chinesische E-Commerce-Sendungen, lokale Zollabfertigung und ein relativ kompaktes Zustellgebiet ausgerichtet ist.
Zoll und Wettbewerb prägen das Rennen
Der Wettbewerbsdruck wird über die Zustellpreise hinausreichen. Die Schweizerische Post und DPD verfügen über etablierte Depots, Kundendienstsysteme und Beziehungen zu Detailhändlern im ganzen Land. Speedaf muss Onlineplattformen, Importeure und möglicherweise auch andere Paketdienste davon überzeugen, dass ein neues Netzwerk die Schweizer Anforderungen in grossem Umfang erfüllen kann.
Wagner sagte gegenüber SRF, chinesische Logistikunternehmen wollten internationale Sendungen zunehmend bis zur letzten Meile in Europa kontrollieren. Diese Strategie verringert die Abhängigkeit von lokalen Zustellpartnern und verschafft der Logistikgruppe mehr Kontrolle über Zoll, Sendungsverfolgungsdaten, Zustellqualität und Kundenerlebnis. Die Schweizer Tochtergesellschaft von Speedaf ist so aufgebaut, dass sie mehrere dieser Dienstleistungen aus einer Hand anbieten kann.
Auch regulatorische Fragen werden Teil des Wettbewerbs sein. Grenzüberschreitende Pakete müssen den Zoll passieren, geltende Einfuhrvorschriften erfüllen und korrekte Versandinformationen enthalten. Je mehr Waren von geringem Wert in die Schweiz gelangen, desto stärker müssen sich Behörden und Paketdienste zudem mit Retouren, Konsumentenschutz, Produktvorschriften und den Umweltkosten einzelner Zustellungen befassen. Die verfügbaren Berichte weisen nicht auf einen Verstoss von Speedaf gegen Vorschriften hin. Die Rolle bei der Zollabfertigung bringt das Unternehmen jedoch in einen eng überwachten Bereich der Lieferkette.
Etablierte Anbieter könnten mit Preisen, Automatisierung oder neuen Partnerschaften mit Detailhändlern reagieren. Der Eintritt eines Paketdienstes mit Verbindungen zum schnell wachsenden chinesischen E-Commerce-Ökosystem verleiht einem Markt, der traditionell von inländischen und europäischen Zustellgruppen dominiert wird, zudem eine strategische Dimension.
Die Schweiz wird zum Testmarkt
Das kompakte Schweizer Gebiet bietet Speedaf einen praktikablen Weg zu einer landesweiten Abdeckung, doch die nötige Grösse muss sich Paket für Paket erst erarbeiten. Zürich, Bern und Lausanne können als Ankerpunkte eines Netzwerks dienen, das dicht besiedelte Gebiete erreicht und die deutsch-, französisch- und italienischsprachigen Regionen über wenige Umschlagplätze verbindet. Dieses Modell könnte effizienter sein, als von Anfang an ein weitreichendes europäisches Netzwerk aufzubauen.
Die nächste Phase hängt von der Umsetzung ab. Speedaf muss die geplante Sortierkapazität auslasten, Zustellstandards einhalten und einen Retourenprozess einrichten, der für Schweizer Kundinnen und Kunden funktioniert. Das Unternehmen muss zudem in einem Markt konkurrieren, in dem Konsumentinnen und Konsumenten tiefe Preise schätzen, aber eine zuverlässige Sendungsverfolgung und planbare Zustellung erwarten. Etablierte Anbieter können auf jahrelange lokale Betriebserfahrung zurückgreifen, während Speedaf möglicherweise einen Vorteil beim Zugang zu den mit China verbundenen Paketströmen hat.
Die Expansion verschafft auch Schweizer Unternehmen bei Verhandlungen über Zustellung und Auftragsabwicklung einen neuen Verhandlungspunkt. Detailhändler könnten eine weitere Zustelloption erhalten, während die Schweizerische Post und DPD unter Druck geraten könnten, ihre Gebühren und Dienstleistungen zu überprüfen. Konsumentinnen und Konsumenten könnten bei manchen importierten Waren von günstigeren Lieferungen profitieren. Die Preise hängen jedoch von Zollvereinbarungen, Verträgen mit Plattformen und den Kosten des Betriebs in der Schweiz ab.
Der geplante Start von Speedaf ist deshalb über das einzelne Unternehmen hinaus von Bedeutung. Er spiegelt die wachsende Bedeutung des grenzüberschreitenden E-Commerce in der Schweiz und die Bestrebungen chinesischer Logistikgruppen wider, Onlinehändlerinnen und Onlinehändler bis vor die Haustür ihrer Kundschaft zu begleiten.