künstliche Intelligenz
Schweizer KI-Modell Apertus gewinnt Nutzer, liegt aber weiterhin hinter führenden Konkurrenten zurück
Ein Jahr nach seiner Lancierung wurde das offene und mehrsprachige Schweizer KI-Modell Apertus mehr als vier Millionen Mal heruntergeladen und erreichte Version 1.5. Die Verbreitung nimmt zu, doch anhaltende Schwächen bei wichtigen Aufgaben schränken seine Wettbewerbsfähigkeit gegenüber führenden internationalen Systemen weiterhin ein.

Mehr als vier Millionen Downloads haben Apertus aus der Schweiz ein Jahr nach seiner Lancierung fest auf der globalen Open-KI-Landkarte verankert. Die Zahl stammt von Hugging Face, der Plattform, auf der Entwicklerinnen und Entwickler sowie Forschende Modelle für maschinelles Lernen teilen. Das Projektteam gibt an, zudem mindestens 70 externe Einsätze und mehr als 100 abgeleitete Versionen identifiziert zu haben.
Diese Zahlen zeigen die Reichweite, beweisen aber nicht, dass Millionen Menschen Apertus regelmässig nutzen. Downloads können auf Experimente, Evaluationen oder aufgegebene Projekte zurückgehen. Aussagekräftiger sind Organisationen, die das Modell für bestimmte Bedürfnisse angepasst haben, darunter Singapurs SEA-LION-Projekt, das Apertus mit anderen Systemen für südostasiatische Sprachen kombiniert.
Apertus ging aus Schweizer Forschungsinstitutionen hervor. Das Ziel war, ein vollständig offenes, mehrsprachiges Modell anzubieten, das sich an europäischen Datenschutzprinzipien und dem europäischen KI-Gesetz orientiert. Diese Positionierung verschafft der Schweiz eine sichtbare Rolle in einem von US-amerikanischen und chinesischen Unternehmen dominierten Bereich.
Das Modell hat Nutzerinnen und Nutzer gewonnen und technische Verbesserungen erfahren. Bei wichtigen Aufgaben liegt es weiterhin hinter führenden internationalen Systemen zurück. Das schmälert seine Attraktivität dort, wo Zuverlässigkeit, logisches Denken und eine breite allgemeine Leistungsfähigkeit am wichtigsten sind. So wächst die Verbreitung des Modells, während seine Wettbewerbsfähigkeit noch nicht abschliessend belegt ist.
Version 1.5 erhöht den technischen Anspruch
Apertus 1.5 erschien im Juli 2026 und brachte Bildverständnis sowie verbesserte Fähigkeiten beim logischen Denken. Damit verfügt das Schweizer Projekt über eine stärkere technische Grundlage als bei der Version, die ein Jahr zuvor veröffentlicht wurde. Die offizielle Roadmap sieht Apertus 2.0 für 2027 vor.
Die Veröffentlichung spiegelt das Tempo des KI-Markts wider, in dem Modelle laufend aktualisiert werden und Nutzerinnen und Nutzer rasche Fortschritte erwarten. Apertus musste auf frühe Kritik reagieren, wonach das Modell mit grundlegenden Fragen Mühe hatte. Einige Nutzerinnen und Nutzer bezeichneten die erste Version laut dem Ausgangsartikel als «unbrauchbar». Diese Reaktion machte deutlich, wie gross die Lücke zwischen einer viel beachteten Lancierung und einer zuverlässigen Leistung im Alltag sein kann.
Oleg Lavrovsky, der Leiter der Community des Modells, hält Vergleiche mit ChatGPT für am Zweck des Projekts vorbei. Apertus wurde als Basismodell geschaffen, das Unternehmen, öffentliche Institutionen und Forschende prüfen, verändern und entsprechend ihren eigenen Anforderungen einsetzen können. Die Modellgewichte, der Trainingscode und Informationen zu den Trainingsdaten sollen öffentlich zugänglich sein. Damit unterscheidet es sich von Systemen mit offenen Gewichten wie Llama von Meta und Qwen von Alibaba.
Dieses Design ermöglicht Kontrolle und Transparenz. Gleichzeitig überträgt es die Verantwortung auf die Anwenderorganisationen, die ihre eigenen Anwendungen verbessern, testen und warten müssen. Für Organisationen, die einen sofort einsatzbereiten Assistenten suchen, kann dieser zusätzliche Aufwand Apertus gegenüber einem ausgereiften kommerziellen Konkurrenzprodukt weniger attraktiv machen.
Mehrsprachige Werkzeuge finden einen Schweizer Markt
Die mehrsprachige Leistung zeichnet sich als klarster praktischer Vorteil von Apertus ab. Das im Tessin ansässige Unternehmen Artificialy gibt an, das Modell bei Kundenaufträgen intensiv einzusetzen, insbesondere für Übersetzungen und mehrsprachige Gespräche. Damiano Binaghi, Leiter Deep Learning bei der Firma, sagt, die Entscheidung sei wirtschaftlich und nicht symbolisch: «Wir betreiben keine Wohltätigkeit. Wir verwenden Apertus nicht, weil wir müssen, sondern weil es ein gutes Modell ist.»
Diese Einschätzung ist in der Schweiz bedeutsam, wo öffentliche Dienste und Unternehmen auf Deutsch, Französisch, Italienisch und Rätoromanisch arbeiten und die grenzüberschreitende Kommunikation zum Alltag gehört. Ein Modell, das angepasst und unter der eigenen Kontrolle eines Kunden betrieben werden kann, dürfte Schweizer Unternehmen und öffentlichen Stellen zusagen, die sensible Informationen bearbeiten.
Die offene Struktur von Apertus ermöglicht auch lokale Anpassungen. Die Arbeit von SEA-LION in Singapur zeigt, wie ein in der Schweiz entwickeltes Modell Teil eines umfassenderen Sprach-Technologie-Ökosystems werden kann. Das Projekt passte Apertus und weitere Modelle eigenständig für mehrere südostasiatische Sprachen an.
Ein starkes Ergebnis bei Übersetzungen behebt jedoch nicht automatisch umfassendere Schwächen. Organisationen müssen Genauigkeit, Sicherheit, Kosten und Wartung für jeden einzelnen Anwendungsfall beurteilen. Die verfügbaren Hinweise sprechen für einen gezielten Nutzen, nicht für eine allgemeine Überlegenheit. Apertus gewinnt dort an Bedeutung, wo mehrsprachige Anpassung und Transparenz wichtig sind, während führende internationale Systeme bei vielen allgemeinen Aufgaben weiterhin im Vorteil sind.
Die Schweiz steht vor der nächsten Bewährungsprobe
Apertus kann inzwischen auf Belege für seine Verbreitung verweisen, aber noch nicht darauf, mit den führenden Systemen mithalten zu können. Der Meilenstein von vier Millionen Downloads und die gemeldeten Einsätze belegen das Interesse. Sie liefern jedoch keinen Massstab für die Zuverlässigkeit und zeigen auch nicht, wie viele Organisationen vom Testbetrieb zu einem dauerhaften produktiven Einsatz übergegangen sind.
Lavrovsky räumt ein, dass unklar sei, wie viel des Potenzials von Apertus sich in konkreten Nutzen umsetzen lasse. Diese Lücke wird eine Rolle spielen, wenn Schweizer Unternehmen, Universitäten und Behörden entscheiden, ob die Offenheit den technischen Aufwand für den Einsatz des Modells rechtfertigt. Ein offener Zugang kann Überprüfbarkeit, Anpassungen und Datenkontrolle erleichtern, setzt aber interne Fachkenntnisse voraus.
Die nächste Bewährungsprobe für die Schweiz wird praktischer Natur sein. Das Projekt muss zeigen, dass künftige Versionen bei jenen Aufgaben bessere Leistungen erbringen, die Schwächen des ursprünglichen Modells offenlegten, und zugleich die mehrsprachigen und offenen Eigenschaften bewahren, die es auszeichnen. Die für 2027 geplante Version Apertus 2.0 bietet den Entwicklern einen klaren Zeitpunkt, um die Fortschritte zu beurteilen.
Vorerst nimmt Apertus eine glaubwürdige, aber begrenzte Stellung ein. Es ist eine Schweizer Forschungsplattform mit internationalen Nutzern, konkreten Einsätzen und einem wachsenden Ökosystem von Anpassungen. Sein künftiger Einfluss hängt weniger von der Zahl der Downloads ab als davon, ob die Nutzer weiterhin darauf aufbauen und ob die daraus entstehenden Anwendungen zuverlässige Ergebnisse liefern.